Der Kolben fällt nicht weit vom Halm

Frühmorgens im Spätsommer. Die Sonne ist noch nicht aufgegangen, und auch das Maisfeld schlummert noch unter seiner nebligen Schleierdecke. Nur Nadja Schütz ist schon hellwach. Die junge Liestalerin bahnt sich mühelos einen Weg durch den dichten Pflanzenwald und begutachtet mit kritischem Blick einzelne Kolben, spricht von Schädlingen, von Stärkezusammensetzungen und von Bodenbewirtschaftung – und fast vergisst man, dass da eine erst 23 Jahre junge Frau vor einem steht und nicht eine gestandene Bäuerin. Heute soll der Mais geerntet werden, und bald wird «Topcorn» in verschiedenen Baselbieter Ladenregalen stehen – als einziges komplett in der Schweiz produziertes Popcorn. Doch dazu später mehr.

Bald einmal 100 Jahre ist es her, seit der Urgrossvater von Nadja Schütz den Bauernhof auf dem Liestaler Maienboden erworben hat. Von dort ist der Hof über den Grossvater an ihre Eltern vererbt worden. Die Landwirtschaft liegt der Familie Schütz also im Blut – und so haben auch die Eltern ihre drei Kinder bald schon in den Betrieb miteinbezogen. «Schon früh durften wir bei schwierigen Entscheidungen mitdiskutieren und auf dem Betrieb mithelfen», sagt Nadja Schütz.

Sie habe bald gemerkt, dass die Landwirtschaft keine einfache Sache sei. «Man ist viel am Arbeiten, ist abhängig von der Natur und dem Markt und erlebt dadurch auch immer wieder Rückschläge – aber dafür ist die Arbeit abwechslungsreich, spannend und man ist viel bei der Familie.» Und so verwundert es einen auch nicht, dass die Kinder «mit kaum 13 Jahren an manchen Tagen den Bauernhof alleine geschmissen haben», wie sie erzählt. «Es hat mich enorm geprägt, dass unsere Eltern uns diese Verantwortung übertragen haben.»

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Und so kam es, wie es kommen musste: Nadja Schütz wollte Landwirtin werden. Bloss: «Für alle anderen war klar, dass mein älterer Bruder den Hof übernimmt.» Eine Landwirtin ohne Hof – das ergab für sie keinen Sinn. «Also habe ich eine Lehre als Hotelfachfrau gemacht.» Sie sagt das ohne einen Anflug von Enttäuschung – und dieser Pragmatismus scheint im Gespräch mit ihr immer wieder durch. «Manchmal muss man sich halt ein bisschen durchbeissen, aber es kommt dann schon gut», sagt sie. «Das habe ich vom Vater.»

Weil der Traum vom Bauernhof auch nach dem Lehrabschluss nicht verpuffte, und weil gute Entscheidungen genau wie ein Maiskolben zuerst im Verborgenen reifen müssen, biss sich Nadja Schütz noch ein bisschen länger durch. Sie machte die Berufsmatura – und ging weg. «Man sagt doch, dass man sich beim Reisen findet.» Sie jedenfalls habe sich bei einem Sprachaufenthalt in Kanada gefunden – und sich entschieden, trotz ungewisser Zukunft an der Berner Fachhochschule Agrarwissenschaften zu studieren. Das war vor zwei Jahren.

Und hier kommt das Maisfeld ins Spiel, das inzwischen von den ersten Sonnenstrahlen berührt wird – und vor dem nun auch Anja Madörin, Daniel Amgarten und Matthias Rutishauser stehen, alle drei mit Erntekörben ausgestattet. Mit ihnen zusammen hat Nadja Schütz für eine Abschlussarbeit das Projekt «Topcorn» aufgezogen. Die Aufgabe: Eine Geschäftsidee entwickeln und umsetzen. Ein Crowdfunding – also eine Finanzierung des Projekts durch ganz viele kleine Beiträge von Privatpersonen – auf der BLKB-Plattform «Miteinander erfolgreich» hat dafür die finanzielle Grundlage geschaffen.

Popcorn in der Schweiz anzubauen ist eine nicht ganz einfache Sache. «Die Sommer sind eigentlich zu kurz für die spezielle Maissorte», sagt Nadja Schütz. Darum habe man das Saatgut im Ausland kaufen müssen, in Österreich. Auf einem Feld in Schneisingen im Kanton Aargau und in Liestal wurde der Mais angepflanzt. Gleichzeitig wurden Verkaufsläden gesucht, wurde ein Logo kreiert, musste eine ökologische Verpackung her. Daneben Budgetplanung, Korrespondenz, Buchhaltung.

«So ein Projekt aufzubauen, ist eine Riesenerfahrung – was man hier lernt, vergisst man nie wieder», sagt Nadja Schütz. Wie etwa den Umgang mit Unsicherheiten: «Am Anfang hätten wir fast aufgegeben, weil wir kein passendes Projekt gefunden haben», sagt sie. «Und jetzt hatten wir Angst, dass uns Wildschweine die Ernte wegfressen.» Wie geht man damit um? «Einfach ruhig bleiben – mit Stress wird es nicht besser.» Auch das hat sie vom Vater.

Wie geht es nach dem Popcorn-Projekt weiter? «Mein Bruder und ich planen mittlerweile, den Hof zusammen zu übernehmen», sagt sie. Der Hof der Familie Schütz produziert 430 000 Liter Milch im Jahr, aber das Milchgeschäft ist ein schwankendes. «Ich habe den Traum, dass man aus der Milch mehr Wertschöpfung generieren kann», sagt sie. «Heute muss man als Landwirt viel unternehmerischer denken, muss sich überlegen: Was kann ich verkaufen, was ein anderer nicht hat? Das reizt mich» – und schon hat man wieder vergessen, dass diese junge Frau erst 23 Jahre alt ist.

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