Positive Performance bei Schweizer Obligationen trotz Negativzinsen – wie geht das?

0
4
2

Viele Anlegerinnen und Anleger reiben sich die Augen: Schweizer Obligationen konnten im 2019 trotz anhaltendem Negativzinsumfeld eine deutlich positive Performance erzielen: Mit über 4 Prozent im Plus notiert der Schweizer Obligationenmarkt, gemessen am Swiss Bond Index – trotz Negativzinsen und negativer Verfallrenditen. Dies zeigt sehr eindrücklich, dass Obligationen einen positiven Performancebeitrag leisten können, selbst wenn die Verfallrendite negativ ist. Wir zeigen auf, was dahintersteckt.

Was ist eine Obligation?

Obligationen oder auch Bonds (englisch) sind Schuldverschreibungen oder Wertpapiere, die von einem Schuldner/Emittent herausgegeben werden. In der Regel haben die Inhaber dieser Wertpapiere Anrecht auf einen Zins, der meistens jährlich in Form eines Coupons gezahlt wird. Bonds haben eine bestimmte Laufzeit – in der Regel fünf bis zehn Jahre – und werden danach zu 100 Prozent zurückgezahlt. Die meisten Bonds werden am Kapitalmarkt täglich gehandelt. Dabei passt sich der Preis der Obligation immer den aktuellen Marktgegebenheiten an. Steigen z.B. die Zinsen, fallen die Preise von festverzinslichen Obligationen. Sinken die Zinsen, steigen dagegen die Preise. Dabei reagieren Obligationen mit einer längeren Restlaufzeit stärker auf eine Zinsbewegung als Kurzläufer. Diese Sensitivität bezeichnet man auch als Duration. Diese Definitionen sind natürlich stark vereinfacht und allgemein ausformuliert. Sie dienen aber in diesem Zusammenhang unserem Zweck. Interessierten Lesern empfehlen wir den weiterführenden Wikipedia-Eintrag.

Was ist die Verfallrendite einer Obligation?

Die Verfallrendite bezeichnet die theoretische Rendite einer Obligation bei gegebenem Kaufpreis ab Kaufzeitpunkt bis zum Verfall. Dabei wird angenommen, dass die Couponzahlungen während der gesamten Laufzeit der Obligation reinvestiert werden. Private Anleger halten in der Regel eine Obligation bis zum Verfall. Deshalb ist die Verfallrendite für solche Anlagen ein wichtiges Instrument zur Beurteilung der Attraktivität einzelner Obligationen.

Wie berechnet sich die Performance einer Obligation?

Die Performance von Obligationen setzt sich zusammen aus dem Coupon (Verzinsung) und der Kursentwicklung der Obligation selbst (Kapitalgewinne). Dazu ein Beispiel: Eine Obligation notiert zu Jahresbeginn bei einem Kurs von 100 und zahlt in dem Jahr einen Zins von 2 Prozent. Im Jahresverlauf sinken die Zinsen und die Obligation steigt im Wert bis zum Jahresende auf 104. Der Kursgewinn beträgt somit 4 Prozent, dazu kommen 2 Prozent Coupon. Die Performance beträgt also 6 Prozent. Das Beispiel zeigt, was dieses Jahr am Schweizer Obligationenmarkt passiert ist. Im Jahresverlauf sind die Zinsen nochmals gesunken. Obligationen verzeichneten einen Kapitalgewinn und konnten dadurch im 2019 erneut eine positive Performance verzeichnen. Das Halten von Obligationen hat die Anleger also trotz Negativzinsumfeld kein Geld gekostet.

Wie kommen negative Verfallrenditen zu Stande?

Die Verfallrendite einer Obligation wird einfach gesagt dann negativ, wenn sämtliche zukünftigen Zinszahlungen bis zum Laufzeitende der Obligation den absehbaren Kapitalverlust der Obligation nicht wettmachen können. Auch dazu ein theoretisches Beispiel: Unsere Obligation notiert also bei 104. Sie wird Ende des Jahres zu 100 zurückgezahlt. Sie zahlt für das letzte Jahr nochmals einen Coupon von 2 Prozent. Ohne gross rechnen zu müssen, ist klar: Für das letzte Jahr kann die «Rendite» dieser Obligation nicht positiv sein. Der Coupon von 2 Prozent kann den Kapitalverlust von rund 4 Prozent nicht kompensieren. So sieht es im Augenblick bei vielen Obligationen am Markt aus: Die Preise der Obligationen notieren dermassen deutlich über dem Rückzahlungsbetrag von 100, dass die tiefen Coupons den drohenden Wertverlust der Obligation nicht kompensieren können. Solche Obligationen weisen dann eine negative Verfallrendite auf.

Wieso hält man Obligationen mit negativen Verfallrenditen?

Professionelle Anleger und Fondsmanager halten oft Obligationen mit negativen Verfallrenditen in ihren Portfolios. Das ist an sich nichts Alarmierendes, denn wie vorgängig aufgezeigt, sagt die Verfallrendite nur aus, welche Rendite der Anleger erwarten kann, wenn er die Obligation bis Verfall hält. Die meisten professionellen Anleger oder Fondsmanager sind aber aktive Manager und selektieren Obligationen für ihr Portfolio. Dabei kaufen und verkaufen sie Bonds je nach Marktlage und nutzen Opportunitäten, um zusätzliche Kursgewinne zu erzielen. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass seit der Einführung von Negativzinsen durch die Schweizerische Nationalbank (SNB) und immer weiter sinkenden Zinsen die Obligationenmärkte eine positive Wertentwicklung verzeichnen konnten. Fondsmanager wissen, wie in diesem Umfeld zu handeln ist. Für Privatanlegerinnen und -anleger ist es wichtig zu verstehen, dass eine ausgewiesene negative Verfallrendite bei einem Obligationenfonds nicht zwingend bedeutet, dass sie oder er eine schlechte Performance zu erwarten hat.

Wieso braucht es überhaupt Obligationen im Portfolio?

Obligationen gehören in jedes gemischte Portfolio. Ihre Aufgabe dabei ist einerseits Erträge zu erwirtschaften, andererseits das Portfolio bei Kurseinbrüchen an den Aktienmärkten zu stabilisieren. Mehr dazu erfahren Sie in unserem Blog-Beitrag «Obligationen bringen Stabilität ins Portfolio». Im aktuellen Negativzinsumfeld ist das Investieren in Obligationen anspruchsvoller und komplexer geworden. Das schlichte «Kaufen und Halten bis zum Verfall» einer Obligation funktioniert heute nicht mehr so wie vor zehn Jahren. Der Fokus auf die Verfallrendite beleuchtet dabei nur einen Teil der Aspekte und greift zu kurz, um eine Anlage umfassend beurteilen zu können. Ein professionelles Management von Obligationen ist deshalb bei Negativzinsen ein entscheidender Faktor, um erfolgreich und wertvermehrend anlegen zu können.

4
2
Teilen.
Patrik A. Janovjak, CIO
Leiter Investment Center bei BLKB
Patrik A. Janovjak leitet seit 2012 das Investment Center der BLKB. Als CIO verantwortet er die nachhaltige Vermögensverwaltung und spezialisiert sich auf langfristige Anlagethemen mit Schwerpunkten im Bereich ESG.

Eine Antwort geben