Rezession? Nein, Danke!

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Wieso der befürchtete Rückgang der Konjunktur im kommenden Jahr 2020 ausbleiben wird

Die weltweiten Aktienmärkte weisen dieses Jahr bislang eine beträchtliche Wertentwicklung auf, obwohl die  Wachstumsaussichten für 2019 laufend nach unten korrigiert wurden. In der Folge sanken die Zinsen und gleichzeitig stieg die Wahrscheinlichkeit einer US-Rezession kontinuierlich an. Widerspruch oder nicht? Wir haben eine klare Meinung dazu!

Der Internationale Währungsfonds IWF präsentierte jüngst seinen Wirtschaftsausblick. Mit nur noch rund 3 Prozentsoll die Weltwirtschaft im laufenden Jahr wachsen. Der Bericht bestätigt, was viele Ökonomen bereits vorausgesagt hatten: 2019 ist das Jahr der Wachstumsreduktionen. Fast schon wöchentlich laufen Revisionen über den Ticker. Zu den Hauptgründen gehören die anhaltenden Handelsstreitigkeiten zwischen den USA und dem Rest der Welt, insbesondere China. Die daraus entstandenen Unsicherheiten und die Rückkehr  geopolitischer Spannungen lassen die Unternehmen nur zögerlich investieren und hemmen das Wachstum zusätzlich. Wenig überraschend ist, dass sich die Wachstumsschwächen auf die Bereiche Handel und Industrie konzentrieren. Trumps Handelspolitik hinterlässt ihre Spuren weltweit. Trotzdem vermag die Weltwirtschaft dieses und wohl auch nächstes Jahr mit rund 3 Prozent zu wachsen. Wir wachsen also auch 2020 weiter: einfach nicht schneller als 2019.

Rezessionen nur durch Schocks

Von einer Rezession sprechen Ökonomen bei zwei aufeinanderfolgenden negativen Wachstumsraten des realen Quartals-BIP. In der Regel kann man davon ausgehen, dass globale Wachstumsraten von 2,5 Prozent oder tiefer bedeuten, dass sich eine wesentliche Wirtschaftsregion in einer Rezession befindet. Gehen wir nun von rund 3 Prozent globalen Wachstums fürs nächste Jahr aus, so dürfte keine wichtige Wirtschaftsregion in eine Rezession fallen. Auffällig ist, dass Rezessionen im letzten Vierteljahrhundert immer durch externe Schocks verursacht wurden: die 9/11-Anschläge im Jahr 2001 und die Finanzkrise 2008. Die klassischen Wirtschaftszyklen, wie man sie aus der Wirtschaftslehre kennt, scheinen wenig sichtbar zu sein. In Abwesenheit externer Schocks erwarten wir im kommende Jahr also positive Wachstumsraten. Dabei könnte eine Einigung im Handelsstreit USA-China zusätzliche, willkommene Effekte auslösen. Die Zentralbanken werden ohne Inflation ihre Leitzinsen auch 2020 nicht erhöhen können. Wie vorgängig festgestellt können die tiefen Zinsen die Investitionstätigkeit der  Unternehmen im aktuellen Umfeld nur wenig beeinflussen.

Privathaushalte profitieren

Das ist aber nicht weiter problematisch. Tiefe Zinsen haben eine andere Funktion: Zum einen stützen sie die Aktienmärkte, indem sie unter gleichen Bedingungen zu einer tieferen Bewertung der Aktien führen und diese im Vergleich zu anderen Anlagen attraktiver machen. Zum anderen entlasten sie hoch verschuldete Unternehmen und Staaten. Gleichzeitig ermöglichen sie solventen Staaten, langfristige Gelder praktisch zum Nulltarif  aufzunehmen. Diese Gelder können für fiskalpolitische Impulse wie Infrastrukturprojekte genutzt werden, welche das Wirtschaftswachstum stützen. Private Haushalte profitieren von tiefen Hypothekarzinsen und haben so mehr Einkommen für Konsum zur Verfügung. Anhaltend tiefe Zinsen sind also wichtig, unterstützen das Wachstum heute aber über andere Kanäle als in der Vergangenheit. Nüchtern betrachtet stellen wir fest, dass die Aktienmärkte nicht überbewertet sind. Die Kurs-Gewinn-Verhältnisse (KGV) bewegen sich im historischen Durchschnitt. Das vermag viele Anlegerinnen und Anleger überraschen, wird aber in Grafik 1 verdeutlicht. Je länger die Aussicht auf tiefe Zinsen, umso mehr Unterstützung erfahren auch höhere KGV und somit weitere Kursavancen. Dies ist aber nur eine wichtige Feststellung für Aktionäre.

Quelle: Bloomberg, per 01 .11. 2019

Vom US-Wachstum entkoppelt

Eine weitere interessante Beobachtung ist, dass sich beim Betrachten der Grafik 2 die Aktienkurse am Beispiel des breiten US-Aktienindex S&P 500 offenbar vom US-Wachstum zu entkoppeln scheinen. Oder anders gesagt: Das BIP-Wachstum scheint nicht mehr der Haupttreiber von Börsenavancen zu sein. Das erklärt dann auch, weshalb Aktienkurse bei schwächerem Wirtschaftswachstum steigen können.

Rezession nein, Aktien ja!

Wir erwarten, dass das Wirtschaftswachstum auch 2020 stark politisch getrieben bleibt. Dabei tun die Zentralbanken ihren Job. Die Fiskalpolitik hat noch einiges an Potenzial für mehr Investitionen, insbesondere in Europa und vor allem in Deutschland. Eine globale, wesentliche Rezession, welche auch die Aktienmärkte einbrechen lassen würde, schliessen wir unter diesen Gesichtspunkten aus. Die politischen Entwicklungen bleiben aber ungewiss und werden für anhaltende Schwankungen an den Aktienmärkten sorgen. Eine Einigung im Handelsstreit und eine fiskalpolitische Kursänderung in Deutschland verbessern die Wachstumsprognosen und lässt die Aktienkurse weiter steigen.

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Patrik A. Janovjak, CIO
Leiter Investment Center bei BLKB
Patrik A. Janovjak leitet seit 2012 das Investment Center der BLKB. Als CIO verantwortet er die nachhaltige Vermögensverwaltung und spezialisiert sich auf langfristige Anlagethemen mit Schwerpunkten im Bereich ESG.

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