Wie stark ist die Wirtschaft in der Eurozone?

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Schwächelnder Export versus starke Konsumenten

Die europäischen Börsen gaben in den letzten Monaten ein fulminantes Comeback und eroberten verlorenes Kursterritorium zurück. Der Anstieg seit Jahresbeginn basiert zu einem Grossteil auf einer positiveren Einschätzung der politischen Faktoren sowie der Aussicht, dass wohl die Europäische wie auch die amerikanische Zentralbank auf eine Zinserhöhung verzichten.

Graue Wolken am Konjunkturhimmel

Nahezu alle relevanten Institutionen haben die Prognosen für die Eurozone in den letzten Wochen gesenkt. So geht die EZB inzwischen von einem Wirtschaftswachstum im 2019 von noch 1,1% aus, erst für 2020 werden wieder 1,6% erwartet. Ein Lichtblick war das besser als erwartete Wirtschaftswachstum im ersten Quartal des Jahres von 0,4%. Von einer Trendwende zu sprechen, erachten wir dennoch als verfrüht. Die Stimmung unter den Einkaufsmanagern der grossen Industrieunternehmen insbesondere in Deutschland hat sich auf tiefem Niveau eingependelt und so deuten die sogenannten Einkaufsmanagerindizes weiterhin auf einen Rückgang der industriellen Aktivität hin. Besser sieht es im europäischen Dienstleistungssektor aus, der von der stabilen Binnennachfrage profitiert.

Der grosse Unsicherheitsfaktor: Handelskonflikte

Für die exportorientierte europäische Industrie hängt vieles von der Lösung der schwelenden Handelskonflikte ab. Der Ausgang der chinesisch-amerikanischen Verhandlungen ist im Moment noch offen. Die Gespräche zwischen den USA und der EU hingegen finden erst noch statt. Die Europäer wollen angedrohte US-Zölle von 25% auf Autos abwenden und ein neues, auf Freihandel fokussiertes Industrieabkommen verhandeln. Doch es besteht die Möglichkeit, dass der amerikanische Präsident aus verhandlungstaktischen Gründen die Autozölle zumindest vorübergehend einführen wird. Diese könnten das deutsche Bruttoinlandprodukt in einem Jahr um mindestens 0,2% reduzieren. Bleibt noch das Thema Brexit: Der Austritt Grossbritanniens aus der EU dürfte von der europäischen Wirtschaft grundsätzlich verdaut werden, ein ungeordneter Brexit würde die Auswirkungen jedoch substanziell erhöhen.

Die Konsumenten trotzen der Industrieflaute

Hilfe kommt von Konsumentenseite. Trotz der wirtschaftlichen Abkühlung in der Eurozone ist der Arbeitsmarkt weiterhin in guter Form. In Ländern wie Deutschland herrscht sogar ein Mangel an Arbeitskräften, weshalb die Lohnentwicklung für Arbeitnehmer positiv ist. Das stärkt die Kaufkraft der Konsumenten. Rückenwind kommt auch aus dem für Europa wichtigen Absatzmarkt China. Hier ist die Wirtschaft im ersten Quartal um 6,4% und somit stärker als erwartet gewachsen. Diese Entwicklung ist auf die verschiedenen konjunkturstützenden Massnahmen der chinesischen Regierung zurückzuführen.

Quo vadis Europa?

Wir halten Befürchtungen, dass Europa in eine Rezession abdriften könnte, für übertrieben. Die europäische Konjunktur hat sich zwar etwas abgekühlt, aber die Wirtschaft wächst trotz Unsicherheiten. Die Konsumenten dämpfen den Rückgang der Exporte. Die Gewinnaussichten der europäischen Unternehmen, die in den vergangenen Monaten deutlich nach unten revidiert wurden, werden dadurch gestützt. Wir glauben auch, dass Europa als exportorientierte Region von einer kommenden Beilegung der Handelsstreitigkeiten zwischen den USA und China profitieren wird. Die Entwicklung zwischen der EU und der USA ist hingegen noch schwer einzuschätzen. Die Bewertung des gesamten europäischen Aktienmarkts hat in den letzten Monaten zugelegt und ist nun nahe dem historischen Durchschnitt. Dies begrenzt das Renditepotenzial für den Rest des Jahres. Gleichzeitig rechnen wir mit politisch getriebener Volatilität. Risiken und Chancen halten sich unserer Meinung nach in Europa zurzeit die Waage. Trotzdem sehen wir selektive Anlagechancen. So dürfte beispielsweise der Nahrungsmittelhersteller Danone mit seiner zunehmend auf bewusste Ernährung zugeschnittenen Produktpalette von der guten Konsumentenlaune profitieren. Auch die Pharmatitel GSK und Sanofi haben beide vielversprechende neue Produkte, profitieren von der global wachsenden Nachfrage nach Impfstoffen und haben die Kosten im Griff. Der Pharmasektor wurde in der jüngsten Rally ohnehin von den Anlegern vernachlässigt.

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Andreas Holzer on Linkedin
Andreas Holzer
Finanzanalyst bei BLKB
Andreas Holzer ist Analyst im Investment Center der BLKB. Er ist Spezialist für Nachhaltiges Investieren, das heisst die Beurteilung von Umwelt-, Sozial- und Governanceaspekten und die Erarbeitung von entsprechenden Anlagelösungen.

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