“It’s All About Politics”

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Wie die Politik die Märkte beeinflusst

Ein Börsensprichwort besagt: «Politische Börsen haben kurze Beine». Und dennoch dominiert derzeit die Politik die Diskussionen der Börsianer. Hat die alte Weisheit an Gültigkeit eingebüsst?

Ein Blick zurück

Politische Entwicklungen prägten in den vergangenen Jahren die Finanzmärkte. Anleger sahen sich der Herausforderung gegenübergestellt, sich vor wichtigen politischen Entscheidungen wie Wahlen oder Abstimmungen richtig zu positionieren. Dies erwies sich wiederholt als äusserst schwierige Aufgabe. Um nur zwei Beispiele zu nennen: Überschätzte man die negativen Auswirkungen des Brexit-Votums im Juni 2016 auf die globale Aktienmarktentwicklung vorderhand völlig, wurden die positiven Effekte der unerwarteten Wahl von Donald Trump 2016 als US-Präsident masslos unterschätzt.

Quelle: Bloomberg

Quelle: Bloomberg

 

Im Zuge des Brexit-Votums fanden sich Investoren und Ökonomen über Nacht in einem Blindflug wieder, entsprechend kam es am Tag nach dem Entscheid an der Börse zu panikartigen Verkäufen. Wie uns täglich aufs Neue vor Augen geführt wird, fällt es auch bald drei Jahre später noch immer schwer, die konjunkturellen Auswirkungen des Brexit-Entscheids einzuschätzen. Klar ist, dass die wirtschaftlichen Bremsspuren erst in den kommenden Jahren und nicht, wie vom Markt damals antizipiert, unmittelbar sichtbar werden. Der währungsbedingte Wettbewerbsvorteil durch den Wechselkurszerfall des britischen Pfundes konnte die negativen Auswirkungen kompensieren. Diese Erkenntnis brauchte nicht lange und spiegelte sich in einer schnellen Kurserholung schon wenige Tage nach dem Brexit-Votum wider (Grafik 1).

Bei der US-Präsidentschaftswahl erwischte der unerwartete Sieg von Donald Trump die Anleger erneut auf dem falschen Fuss. Die Mehrheit rechnete mit negativen Auswirkungen auf die amerikanische Wirtschaft. Entgegen den Erwartungen konnte Trump durch seine politischen Entscheide wie beispielsweise die Steuerreformen jedoch einen unmittelbar positiven Einfluss auf die Wirtschaftsentwicklung nehmen. «America First» befeuerte die bereits weit im Konjunkturzyklus fortgeschrittene US-Wirtschaft und belehrte die Investoren eines Besseren. Die globalen Börsen zündeten in den Folgemonaten ein regelrechtes Kursfeuerwerk (Grafik 2). Die seither herrschende Euphorie an den Börsen trotzte diversen globalen politischen Gefahren und wurde erst Ende 2018 durch Zins- und Rezessionsängste jäh gebremst.

Treiber der jüngsten Kursrallye

Politischen Diskussionen dominieren derzeit wieder die Schlagzeilen. Dennoch konnten die weltweiten Börsenindizes im ersten Quartal regelrechte Freudensprünge vollziehen. Nach einem historisch schlechten Dezember 2018 ist die jüngste Börsenavance vorderhand zwei Entwicklungen zu verdanken: erstens den positiven Signalen aus den Verhandlungen zum anhaltenden Handelskonflikt zwischen den USA und China und zweitens der Kehrtwende in der Zinspolitik der USA. Dabei handelt es sich bei beiden Faktoren nicht nur um rein politische Querelen. Sowohl ein Abbau von Handelshemmnissen wie auch das Ende des US-Zinserhöhungszyklus haben direkte realwirtschaftliche Folgen. Damit wurde dem beinahe ausgehungerten Bullenmarkt über den impliziten Konjunktur-Stimulus wieder ein fundamental getriebener Nährboden für Kursavancen geliefert. Womit sich erneut zeigt, dass grosse Kurstrends primär auf fundamentale Fakten und weniger auf politische Spekulationen zurückzuführen sind.

Fieberkurve mit Signalwirkung

Die Märkte handeln also nicht irrational auf politische Entscheide, sie neigen jedoch zu Übertreibungen. Politische Entwicklungen prägen das kurzfristige Sentiment signifikant und schüren sowohl Hoffnungen als auch Ängste, welche sich in deutlichen Kursausschlägen an den Finanzmärkten niederschlagen können. Den langfristigen Kursverlauf prägen jedoch reale Effekte. Als langfristig orientierter Anleger sollte man sich also grundsätzlich nach fundamentalen Entwicklungen richten. Die politische Fieberkurve gibt jedoch einen wichtigen Hinweis auf die Risikobeurteilung des Anlageumfelds. Sorgen politische Entwicklungen für eine hohe Unsicherheit im Markt, dürften die Kursausschläge höher ausfallen und die Volatilität in die Höhe treiben. Für Investoren ist es also nicht ratsam, politische Entwicklungen gänzlich zu ignorieren. Vielmehr gilt es, die richtigen Schlüsse aus ihnen zu ziehen und sie differenziert zu betrachten. Die eingangs erwähnte Börsenweisheit behält demnach unverändert ihre Richtigkeit. Anleger tun deshalb auch künftig gut daran, vorübergehende politische Querelen von jenen Entwicklungen zu trennen, welche in der Konsequenz auch einen signifikanten realwirtschaftlichen Einfluss nach sich ziehen und das fundamentale Anlageumfeld massgeblich verändern.

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Fabienne Erni, CFA
Leiterin Investment Research bei Basellandschaftliche Kantonalbank
Fabienne Erni ist Leiterin Investment Research bei der BLKB. Sie ist spezialisiert auf die Beurteilung von aktuellen makroökonomischen Entwicklungen und die Analyse von Aktien.

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