Die Schweiz im IPO-Fieber

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Bewegung in der Schweizer Börsenlandschaft

Für Schweizer Investoren wurde es in den letzten Wochen hektisch. Die Schweizer Börsenlandschaft erfuhr in nur sieben Handelstagen einen ungewohnt grossen Wandel. Mit Medacta und Stadler drangen innert Kürze zwei neue Schweizer Unternehmen an die Börse und nutzten das positive Sentiment für sich. Hinzu kommt die Abspaltung von Alcon vom Novartis-Konzern, welche der Schweizer Börse ein neues Gesicht gibt.

Dominanz des Gesundheitssektors steigt

Die grösste Veränderung brachte der Spin-off von Alcon. Im Zuge der Fokussierungsstrategie von Novartis wurde die Augenheilsparte abgespalten und separat an die Börse gebracht. Damit zieht Novartis einen Strich unter die eher unerfreuliche Akquisition aus den damaligen Händen von Nestlé. Das Börsendebüt gelang. In den ersten Handelsstunden brachten die Alcon-Aktien einen deutlich höheren Aktienkurs auf die Waage, als vom Markt im Schnitt erwartet wurde. Bei Börsenstart wurde dem Unternehmen ein Marktwert von rund CHF 27 Mrd. beigemessen. Die Marktkapitalisierung von Novartis sank am ersten Handelstag weniger, damit können sich die Aktionäre über einen positiven Ausgang des Spin-offs freuen. Der hohe Börsenwert von Alcon brachte mit sich, dass die Titel direkt in den Schweizer Leitindex SMI aufgenommen wurden. Über die Klippe springen musste dafür Julius Bär. Die Aktien der Bären finden sich seit Ende Woche nicht mehr in der Liste des Swiss Market Index wieder. Als Konsequenz ist die Dominanz des Gesundheitssektors durch die Aufnahme von Alcon und den Wegfall von Julius Bär noch grösser geworden.

Medacta atmet durch

Einen weiteren Zugang im Gesundheitssegment verzeichnete die Schweizer Börse mit der Publikumsöffnung von Medacta. Das Tessiner Medizinaltechnikunternehmen wagte in der vergangenen Woche den Gang an die Börse. Dieser verlief nicht ohne Nebengeräusche. Das Unternehmen musste kurzfristig ein Supplement zum Börsenprospekt veröffentlichen, um über aktuelle Vorgänge zu informieren. Der Grund dafür war ein Durchsuchungsbefehl der deutschen Behörden wegen möglicher Korruptionsfälle in den Jahren 2013 bis 2017. Medacta bestreitet jegliches Fehlverhalten. Im Nachgang an diese Meldung zogen einige Investoren ihre Zeichnungen zurück. Das Buch war aber derart überzeichnet, dass dem Börsendebüt der Tessiner nichts im Wege stand. Die stolze Bewertung liess jedoch am ersten Handelstag keine grossen Kurssprünge zu. Das Unternehmen bringt es dennoch auf eine stattliche Marktkapitalisierung von CHF 2 Mrd.

Stadler, der Liebling der Schweiz

Mit Peter Spuhlers Stadler Rail debütierte am Freitag ein Schweizer Liebling an der Börse. Das grosse Interesse widerspiegelte sich auch im Orderbuch der Investmentbanken. Jeder wollte am Börsengang des Schweizer Qualitätstitels partizipieren und die Bücher waren mehrfach überzeichnet. Stadler gehört zu den führenden Anbietern von Schienenfahrzeugen und überzeugte in der Vergangenheit mit einer hohen Produktqualität und der gewohnten Schweizer Lieferpünktlichkeit. Mit der Publikumsöffnung erreicht Stadler einen höheren Bekanntheitsgrad und einen erweiterten Zugang zum Kapitalmarkt und löst zugleich das Problem der Nachfolgelösung.

Fokus auf zukunftsfähige Geschäftsmodelle

Das Umfeld für einen Börsengang bleibt nach der jüngsten Kurs-Rally an den Aktienmärkten und der tatkräftigen Unterstützung der weltweiten Zentralbanken freundlich. Als potenzielle Transaktionen in der Schweiz gelten eine Privatisierung des staatlichen Rüstungskonzerns Ruag, der Börsengang von V-Zug und die Publikumsöffnungen von Selecta und SoftwareOne. Für Investoren gilt es, Vorsicht walten zu lassen. Nicht jede geplante Neukotierung muss eine Erfolgsstory werden. Es ist immer zu hinterfragen, was mit einer Publikumsöffnung bezweckt wird. Das Aufbessern von schwachen Bilanzen ist selten ein vielversprechender Grund. Mit Gategroup und Swissport haben im vergangenen Jahr zwei bekannte Unternehmen ihre bereits weit fortgeschrittenen Pläne für einen Börsengang beigelegt. Auch das Risiko eines Geschäftsmodells darf nicht ausser Acht gelassen werden. So büsste beispielsweise die Aktie der Allschwiler Polyphor seit ihrem Börsengang im letzten Jahr 40% an Wert ein. Ein zukunftfähiges Geschäftsmodell bei solider Bilanz ist auch bei Börsengängen das Rezept für eine vielversprechende Anlage.

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Fabienne Erni, CFA
Leiterin Investment Research bei Basellandschaftliche Kantonalbank
Fabienne Erni ist Leiterin Investment Research bei der BLKB. Sie ist spezialisiert auf die Beurteilung von aktuellen makroökonomischen Entwicklungen und die Analyse von Aktien.

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