Börsenausblick 2019

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Die Herausforderungen reissen nicht ab

Anlegerinnen und Anleger sind nervös. Die aktuell hohen Kursschwankungen an den Märkten lassen die Volatilitäten in die Höhe steigen. Kombiniert mit einer sich sehr schnell ändernden Nachrichtenlage sind Prognosen für das kommende Börsenjahr besonders herausfordernd. Umso wichtiger erscheint es, sich von den kurzfristigen Verzerrungen zu lösen und den Fokus auf die zu erwartenden mittelfristigen Entwicklungen zu lenken. Nachfolgend ein Überblick über die Themen, die aus unserer Sicht für das kommende Börsenjahr relevant sein werden.

Politischer Wandel

Seit Jahren werden die populistischen Kräfte in der Politik spürbarer. Damit verbunden entwickelt sich ein Hang zum Nationalismus. Diese politischen Veränderungen beginnen allmählich einen unübersehbaren Einfluss auf die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zu zeigen. Prominenteste Folge dieser Entwicklung ist wohl der Brexit. Die schleppenden Verhandlungen vermitteln nur einen ersten Eindruck, mit welch hohen Kosten für das Volk und die Wirtschaft der Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU verbunden ist. Aber auch Italien geht unter der neuen Führung mit seiner Budgetplanung auf Konfliktkurs mit der EU. Dabei scheinen die veranschlagten 2,7 Prozent im Vergleich zum aktuellen US-Haushaltsdefizit von 4,7 Prozent des BIPs relativ bescheiden. Aufgrund rekordhoher Wachstumszahlen können sich die USA dies kurzfristig wohl noch leisten. Es ist jedoch zu bezweifeln, dass sich die massive Ausweitung des Haushaltsdefizits und die damit steigende Verschuldung mittelfristig für die USA rechnen werden. Und so wird – wenig überraschend – nicht nur die Haushalts- und Steuerpolitik von Donald Trump unter Ökonomen kontrovers diskutiert, sondern allen voran auch seine Handelspolitik. Hier schlummert nämlich das grösste latente Wachstumsrisiko für 2019.

Riskante US-Handelspolitik

Der unter «America’s First» versprochene Protektionismus hat über die letzten Monate konkrete Formen angenommen. Rund 250 Milliarden US-Dollar Handelsvolumen mit China sind von den USA bis Ende Oktober unter Strafzölle gestellt worden. Die Wirkung ist in den letzten BIP-Zahlen Chinas bereits sichtbar geworden. Einer weiteren Abschwächung der Erträge in der südostasiatischen Region werden sich auch die USA nicht entziehen können. Zu hoch ist der Anteil an US-Firmen, die aus China heraus produzieren und unter den US-Einfuhrzöllen leiden werden. Sollten sich China und die USA in der nahen Zukunft nicht auf einen Deal einigen, dürfte die US-Handelspolitik für letztere zu einem Bumerang werden.

Unabhängigkeit der Zentralbanken

Eine unabhängige Geldpolitik ist wichtig für ein funktionierendes Wirtschaftssystem. Es irritiert deshalb, dass sich Staatsmänner wie US-Präsident Trump oder Italiens Minister Di Maio öffentlich kritisch zu ihren Zentralbanken äussern. Unbeirrt verfolgen die EZB und die Fed ihr Ziel der Zinsnormalisierung weiter, wobei die Fed in den USA schon nächstes Jahr beim sogenannten neutralen Zinssatz ankommen dürfte, während die EZB frühestens nächstes Jahr mit einem ersten Zinsschritt beginnen wird. Es ist deshalb auch wichtig zu verstehen, dass keine der Notenbanken eine verfehlte Wirtschaftspolitik kompensieren wird. So hat sich die Fed bereits zu möglichen wachstumshemmenden Wirkungen der US-Handelspolitik geäussert und betont, dass sie ihre Geldpolitik nicht verändern werde. Führt die Handelspolitik zu einem tieferen Potenzialwachstum der USA, stellt dies grundsätzlich keinen Handlungsbedarf für die Fed dar. Ebenso wenig dürfen Marktteilnehmerinnen und -teilnehmer erwarten, dass die Fed oder die EZB bei grösseren, marktbedingten Kurskorrekturen an den Aktienbörsen zur Rettung eilen werden.

Höhe des Zinsanstiegs

Mit der beschriebenen Normalisierung der Zinsen erwarten Investoren zu Recht steigende Sätze. Doch haben sich die verschiedenen Zinskurven über die letzten Monate entkoppelt. Während sich die US-Zinskurve dank einer starken Wirtschaft, einer anziehenden Inflation und entsprechender Zinsschritte der Fed deutlich nach oben verschieben konnte, bewegten sich die Euro- und Schweizer-Franken-Zinskurven verhältnismässig wenig. Dabei zeigte sich einmal mehr, dass eine von der EZB losgelöste Schweizer Zinspolitik ohne weitere Aufwertung der Heimwährung praktisch unmöglich ist. Deshalb wird unsere Nationalbank bei unveränderter Guidance der EZB keine Zinsschritte vor Ende kommenden Jahres vornehmen können.

Ein sprunghafter Anstieg der Euro- oder Schweizer-Franken-Zinsen kann deshalb weitestgehend ausgeschlossen werden. Attraktive Renditen bei festverzinslichen Anlagen gibt es bei den Unternehmensanleihen, insbesondere bei globalen Investitionen. Reine Schweizer Obligationen bleiben dagegen in der Renditefalle gefangen. Trotzdem leisten sie einen wesentlichen Beitrag im Portfoliokontext und sind die einzige Anlageklasse, welche die Schwankungen in den Aktienpreisen aufzufangen und damit die Volatilität im Gesamtportfolio zu dämpfen vermag.

Ungebremste Volatilität

Auch wenn es oft vergessen geht: Aktienkurse können schwanken, zeitweise sogar sehr stark. Dabei machte der Oktober keine Ausnahme. Und auch 2019 wird Anlegerinnen und Anleger herausfordern. In einem solchen Umfeld liegt der Schlüssel zum Erfolg in der Wahl der Anlageklassen, der Anlageregionen und, innerhalb der Regionen, in der Wahl der einzelnen Aktien. Dabei gilt es, den Blick für den Gesamtportfoliokontext nicht zu verlieren. So sprechen höhere US-Zinsen, ein abflachendes Konjunkturmomentum und teure Bewertungen schon seit Längerem dafür, in Amerika Gewinne zu realisieren und sich Regionen mit grösserem Kurspotenzial zu widmen. Beispielsweise befinden sich europäische oder asiatische Aktien in einer anderen Marktphase: Die Bewertung ist moderat und die Erwartungen des Marktes im Hinblick auf die Profitabilitätsentwicklung der Unternehmen bescheidener. Damit eröffnen sich längerfristig attraktive Kurschancen.

Zukunftsorientierte Anlagen

Schliesslich bieten zukunftsorientierte Investitionen mittel- bis langfristig die Chance, die Rendite des Marktes zu übertreffen. Innovative Unternehmen, die von grossen Megatrends wie Digitalisierung, Urbanisierung oder dem demografischen Wandel profitieren, können am technischen und sozialen Wandel überdurchschnittlich stark partizipieren. Hierbei die Spreu vom Weizen zu trennen, bedeutet für Investoren eine zunehmende Herausforderung. Anlagelösungen, welche die aktuellen Trends abbilden und dabei die Risiken im Portfolio umfassend beurteilen, eröffnen Anlegerinnen und Anlegern attraktive Performancechancen. So kann Geld auch nach zehn Jahren Bullen-Rally weiterhin guten Gewissens investiert werden.

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Patrik A. Janovjak, CIO
Leiter Investment Center bei BLKB
Patrik A. Janovjak leitet seit 2012 das Investment Center der BLKB. Als CIO verantwortet er die nachhaltige Vermögensverwaltung und spezialisiert sich auf langfristige Anlagethemen mit Schwerpunkten im Bereich ESG.

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