«The Most Hated Bullmarket»

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Wieso die amerikanische Börsenhausse Anlegern nicht nur Freude bereitet

Amerikanische Aktien kannten seit dem Kurszerfall während der Finanzkrise scheinbar nur einen Weg: nach oben. Seit einigen Wochen steht fest: Wir befinden uns mitten im längsten Bullenmarkt aller Zeiten. Doch die Nervosität der Anleger steigt.

Treiber der amerikanischen Kursrally

Es lohnt sich, kurz einen Blick in den Rückspiegel zu werfen, um zu verstehen, wieso der Bullenmarkt nicht nur Freude bereitet und die Investoren – vor allem nach den jüngsten Kurskorrekturen – verunsichert reagieren. Der Auslöser und stete Treiber des bisherigen Kursfeuerwerks war nicht primär ein guter Wirtschaftsverlauf, sondern das beherzte Eingreifen der US-Notenbank seit der Finanzkrise.

Mit massiven Interventionen am Markt verhinderte das Institut vor zehn Jahren das Ausbreiten des Brandherds und konnte die negativen Auswirkungen begrenzen. Es ist nicht auszudenken, was die konjunkturellen Effekte gewesen wären, hätte die US-Notenbank nicht mit signifikanten Zinsschritten und massiven Anleihenkäufen die Ansteckungsgefahr gebannt.

Das konsequente Bereinigen der Altlasten von amerikanischen Banken und der rasche Kapitalaufbau im Finanzsektor trugen ihren Teil zur schnellen Stabilisierung des amerikanischen Finanzsystems und dadurch auch zum guten Konjunkturverlauf bei. Als Folge der expansiven Geldpolitik und der besseren Fundamentaldaten sprudeln auch die Gewinne der Unternehmen. Dies treibt die Preise von Risikoanlagen wie Aktien in die Höhe und verhalf der Börsenhausse bisher immer wieder zu mehr Schub. Die Steuerreform von Präsident Trump vom letzten Dezember bildet zusätzlich das Sahnehäubchen auf den bereits starken Stimuli der Notenbank. Die Kehrseite der grosszügigen Geldversorgung ist jedoch eine hohe Abhängigkeit der Märkte vom steten Geldzufluss. Wie stark diese ist, belegte der Kursrücksetzer im Oktober, der hauptsächlich durch die Angst vor höheren Zinsen getrieben war.

Strukturelle Anpassungen nötig

Vom konsequenten Eingriff der US-Notenbank nach der Finanzkrise profitierten natürlich auch die von den grossen Turbulenzen in Mitleidenschaft gezogenen globalen Aktienmärkte. Vielerorts fehlte aber lange die Einsicht, dass das Problem nicht damit gelöst ist, den Amerikanern die Aufräumarbeiten zu überlassen. Zwar griffen auch die Zentralbanken in den wichtigsten Wirtschaftsräumen wie Japan oder Europa ein, jedoch mangelte es an der nötigen Konsequenz und strukturellen Anpassung des Finanzsystems. Das Resultat: Ein Grossteil der Industriestaaten ist seit Jahren in einem ausgeprägten Tiefzinsumfeld gefangen – ohne Aussicht auf ein zeitnahes Ende. Während Amerika sich nun langsam aber stetig der Normalisierung ihrer Geldpolitik nähert, liegt dies für die Mehrzahl der Zentralbanken noch in weiter Ferne.

Herausforderungen auf allen Ebenen

Damit stehen Anlegerinnen und Anleger zehn Jahre nach der Finanzkrise vor einer grossen Herausforderung. Die starken Interventionen in den Finanzmarkt haben weltweit zu starken Verzerrungen geführt; unter anderem wurden die Preise für Risikoanlagen signifikant in die Höhe getrieben. Die sogenannte Asset-Inflation ist nicht nur bei Aktien, sondern auch bei Anlageklassen wie Immobilien oder Obligationen zu beobachten. Dies ist in der Schweiz mit der anhaltenden Politik von Negativzinsen der SNB besonders zu spüren. Das stark manipulierte Kapitalmarktumfeld fordert demnach seinen Preis: Die hohen Bewertungen und tiefen Zinsen schmälern die Gewinnaussichten für Investoren in der naheliegenden Zukunft. Wo bieten sich nun für einen längerfristig orientierten Anleger vor diesem Hintergrund noch attraktive Investitionschancen?

Selektion als Schlüssel zum Erfolg

Diese liegen in der Wahl der Anlageklassen, der Anlageregionen oder, innerhalb der Regionen, in der Wahl der einzelnen Aktien. In einem Umfeld wie dem jetzigen ergibt es Sinn, selektiv zu sein und dennoch nie den Blick für den Gesamtportfoliokontext zu verlieren. Als Resultat der derzeitigen Zinssituation bleiben Aktien – trotz der deutlich erhöhten Volatilität in den vergangenen Wochen – aufgrund der langfristigen Renditeaussichten die präferierte Anlageklasse. Doch nicht alle Regionen bieten dieselben Renditechancen. Amerikanische Aktien sind auch nach der Korrektur vergleichsweise teuer. Entsprechend gross ist das Risiko, dass der US-Markt künftig nicht mit der Wertentwicklung von anderen Regionen mithalten kann. Neben der hohen Bewertung gilt es zu beachten, dass wir uns bereits in einem weit fortgeschrittenen konjunkturellen Zyklus befinden, was die Performanceaussichten zusätzlich schmälert. Höhere Zinsen, ein abflachendes Konjunkturmomentum und teure Bewertungskennzahlen sprechen dafür, in Amerika Gewinne zu realisieren und sich Regionen mit grösserem Kurspotenzial zu widmen. So befinden sich beispielsweise europäische oder asiatische Aktien in einer anderen Marktphase: Die Bewertung ist moderat und die Erwartungen des Marktes im Hinblick auf die Profitabilitätsentwicklung der Unternehmen bescheidener. Damit eröffnen sich längerfristig attraktive Kurschancen.

Zukunftsfähige Anlagen im Fokus

Zusätzlich bieten zukunftsorientiere Investitionen Potenzial, die Rendite des Marktes zu übertreffen: Unabhängig von der Geografie sollte verstärkt auf jene Sektoren oder Unternehmen gesetzt werden, die mit Innovation und ihrer strategischen Ausrichtung von grossen Megatrends wie Digitalisierung, Urbanisierung oder dem demografischen Wandel profitieren. Nur Gesellschaften mit zukunftsfähigen Unternehmensstrategien können am technischen und sozialen Wandel positiv partizipieren und damit sich klar abzeichnende Megatrends als Geschäfts- und Wachstumsopportunitäten nutzen. Dies wird sich auch in der Divergenz der Aktienkursentwicklungen widerspiegeln. Alte, festgefahrene Geschäftsmodelle werden an Bedeutung verlieren und agilen, innovativen Ideen Platz machen. Hierbei die Spreu vom Weizen zu trennen, wird angesichts des raschen Wandels für Investoren eine immer grössere Herausforderung. Aktive Lösungen, welche aktuelle Trends umfassend abbilden und dabei immer auch ein Auge auf alle im Portfolio vorhandenen Risiken werfen, sind unter diesen Gesichtspunkten sinnvoll. Sie eröffnen Anlegerinnen und Anlegern damit in dem derzeit äusserst anspruchsvollen Umfeld mit hohen Schwankungen und immer tieferen Renditeerwartungen attraktive Performancechancen. So kann Geld auch nach zehn Jahren Bullen-Rally guten Gewissens investiert werden.

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Fabienne Erni, CFA
Leiterin Investment Research bei Basellandschaftliche Kantonalbank
Fabienne Erni ist Leiterin Investment Research bei der BLKB. Sie ist spezialisiert auf die Beurteilung von aktuellen makroökonomischen Entwicklungen und die Analyse von Aktien.

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