Börsen-Halbzeit

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Die Herausforderungen für Investoren im zweiten Semester

Während die Fussball-WM die Fans begeistert, geht es auch an den Finanzmärkten «sportlich» zu und her. Auslöser dafür sind insbesondere die noch ungelösten Handelskonflikte zwischen den USA und der EU und China. So drohte der US-Präsident Trump der EU erneut mit einer Sonderabgabe von 20% auf importierte Automobile aus der Europäischen Union. Insbesondere für das Autoland Deutschland könnten sich daraus beträchtliche Belastungen ergeben. Berichten zufolge erwägt das US-Finanzministerium zudem weitere Schritte gegenüber China und prüft neue Einschränkungen für chinesische Investoren im Hinblick auf Käufe bestimmter amerikanischer Technologiefirmen. Die Märkte reagierten nervös und verunsichert und schickten die Aktienpreise in den letzten Tagen auf Talfahrt. Wie so oft in solchen Konsolidierungsphasen ist es wichtig, den Fokus auf die Fakten zu lenken. Wagen wir zur Halbzeit also eine kurze Analyse der Wirtschaftslage und einen Blick auf das kommende Semester.

EU mit abnehmender Konjunkturdynamik

Die Weltwirtschaft wird im zweiten Halbjahr in allen wichtigen Wirtschaftsregionen synchron weiter wachsen. Die Wachstumslokomotive USA profitiert dabei noch immer von den Steuererleichterungen, die das US-Wachstum für 2018 auf knapp 3% halten dürften. Die Inflation in den USA wird voraussichtlich den Zielwert von 2% erreichen. In der EU dürfte sich die seit Monaten langsamer werdende Wachstumsdynamik in der EU im zweiten Halbjahr wieder verbessern. Dabei spielt es für Deutschland als Hauptwachstumstreiber eine wesentliche Rolle, ob die Strafzölle auf Automobile abgewendet werden können oder nicht. Die Schweiz wird dieses Jahr ein Wachstum von über 2% erzielen. In der EU wie auch in der Schweiz bleibt der Inflationsdruck gering. Dabei machen sich aber erste Anzeichen eines Lohnwachstums in der EU breit, welche die Inflation auf den Zielwert der EZB von 2% bringen könnten. Dieser Wert dürfte aber frühestens im Sommer 2019 erreicht werden. Die jüngsten Inflationsdaten bestätigen diesen Trend.

Zinsen steigen in den USA weiter

Auf der Zinsseite präsentiert sich ein stark divergierendes Bild: Während die US-Notenbank Fed bis Frühjahr 2019 drei weitere Zinsschritte plant und ihre Fed Fund Rate Richtung 3% lenkt, wird die EZB in der EU gemäss eigener Aussage bis mindestens Sommer 2019 keinen Zinsschritt vornehmen. Dies bedeutet auch, dass eine Auflösung der Schweizer Negativzinsen durch die SNB vor Ende 2019 als sehr unwahrscheinlich gilt. Während die Zinsen in den USA also weiter steigen, bleiben die Sätze in der EU und der Schweiz bis auf Weiteres unverändert tief. Die Zinswende auf dem alten Kontinent wird also nochmals rausgeschoben.

Währungen mit erhöhter Volatilität

Steigende Zinsen in den USA und tief bleibende Zinsen in der Eurozone machen den US-Dollar zum Euro wie auch zum Schweizer Franken attraktiver und unterstreichen das Aufwertungspotenzial der US-Währung. Bei anhaltender Unsicherheit wird der Schweizer Franken aufgrund seiner Funktion als «Safe Haven» seine Prämie zum Euro beibehalten und, wenn überhaupt, dann nur kurz die 1.20-Marke wieder in Angriff nehmen. Ein erneut stärkerer Schweizer Franken erschwert es der SNB zusätzlich, frühzeitig an der Zinsschraube zu drehen, und unterstreicht das vorgängig skizzierte Bild von anhaltend tiefen Schweizer Zinsen. Die Schwankungsbreite der wichtigsten Währungspaare dürfte in den kommenden Monaten hoch bleiben und die Entwicklung der Unternehmensgewinne massgeblich beeinflussen.

Aktieninvestoren brauchen Nerven

Das weltweite Gewinnwachstum für Unternehmen bleibt ungebrochen stark. Dabei sind die Gewinnerwartungen für die USA, getrieben durch die Steuereffekte, besonders hoch. Dies wird in den relativ hohen Bewertungen bereits reflektiert. Bewertungstechnisch bevorzugen wir deshalb ausgewählte europäische wie auch Schweizer Werte. Bei den Schwellenländern gilt es zwischen Asien und Lateinamerika zu unterscheiden. Während letztere Region zunehmend riskanter wird, bleiben die Aussichten für Unternehmen aus Südostasien unverändert gut und die Aktien sind attraktiv bewertet. Generell bleiben Aktien unsere bevorzugte Anlageklasse. Anlegerinnen und Anleger müssen aber aufgrund der anhaltenden Unsicherheiten in den kommenden Monaten mit zunehmenden Schwankungen rechnen. Da heisst es, Nerven behalten und den Blick auf die Fundamentaldaten nicht verlieren.
Mein persönlicher Tipp: Mit der richtigen Anlagestrategie und einem langfristigen Fokus können Sie nicht nur die WM geniessen, sondern auch unbeschwert in die Sommerferien reisen.

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Patrik A. Janovjak, CIO
Leiter Investment Center bei BLKB
Patrik A. Janovjak leitet seit 2012 das Investment Center der BLKB. Als CIO verantwortet er die nachhaltige Vermögensverwaltung und spezialisiert sich auf langfristige Anlagethemen mit Schwerpunkten im Bereich ESG.

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