Eine «never ending story»: Lang lebe die Zeltner Destillerie

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Die 100-jährige Brennerei hätte um ein Haar geschlossen werden müssen, weil der bisherige Patron Ruedi Zeltner in den wohlverdienten Ruhestand ging und familienintern kein Nachfolger gefunden werden konnte. Rettung in letzter Sekunde nahte, als Freunde der Destillerie diese 2017 hochmotiviert und voller Enthusiasmus übernahmen. Doch so einfach, wie sie sich das vorgestellt hatten, war es dann doch nicht: So stellte sich bald heraus, dass ein neuer Dampfkessel gekauft werden musste, und kurz darauf ging auch noch der Brennhafen kaputt. Doch was hat schliesslich den Ausschlag gegeben, zum Mittel der Schwarmfinanzierung zu greifen? Wir haben Detektiv gespielt und die Zeltner Destillerie besucht, um mehr darüber zu erfahren.

Ein Neustart mit Vollbremsung

60 Jahre lang stand der Dornacher Ruedi Zeltner an den kupfernen Brennhäfen und verarbeitete das Obst aus dem Schwarzbubenland. Da er nicht wusste, an wen er sein Lebenswerk übergeben sollte, machte er auch nach dem Erreichen des Pensionsalters weiter. Doch Ende 2016, als er fast 94 Jahre alt war, hatte er nicht mehr genügend Kraft dafür. Da stellte sich die Frage, was mit der Brennerei geschehen soll: Für immer schliessen oder sie in neue Hände geben? Eine Idee bestand darin, die Basler Brauerei «Unser Bier» anzufragen, ob sie das Unternehmen übernehmen will. Zwar winkte diese ab, weil Schnaps nicht ihr Kerngeschäft ist. Aber vergebens war der Vorstoss dennoch nicht: «Unser Bier»-Initiant Istvan Akos wurde so auf die Destillerie aufmerksam und trommelte privat 21 Personen zusammen, denen der Erhalt der Brennerei ein Anliegen war. Ende Dezember 2016 gründeten sie mit 200’000 Franken Eigenkapital eine Aktiengesellschaft und pachteten den Traditionsbetrieb.

Der ehrenamtlich arbeitende Verwaltungsrat war mit viel Begeisterung ins erste Geschäftsjahr gestartet. So wurde mit dem studierten Islamwissenschaftler Antonio Esposito ein Quereinsteiger eingestellt und zum Brenner ausgebildet. Weiter wurde der Laden sanft renoviert und ein Eventraum eingerichtet, in dem Veranstaltungen durchgeführt werden können. «Es gibt bei Firmen und auch in der Bevölkerung ein grosses Interesse an erlebnisorientierten Aktivitäten», begründet Geschäftsführerin Sonja Arnold-Kézdi dieses Investment. Und in der Tat, seit die beiden Räume zur Verfügung stehen, finden regelmässig spannende Anlässe rund um das Brennen statt.

So weit, so gut. Doch Ende April 2017 geschah etwas, womit niemand gerechnet hatte. Der Jahrhundertfrost suchte die Region heim, weswegen es weder Äpfel und Birnen noch Kirschen und Quitten zum Ernten gab. Für die Zeltner Destillerie bedeutete dies, dass rund 70 Prozent ihrer Einnahmen wegfielen, nämlich diejenigen aus dem Lohnbrand, wie das Brennen von Obst im Auftrag Dritter heisst. Doch damit nicht genug: Der eidgenössische Kesselinspektor verfügte, dass der alte Schnelldampferzeuger ersetzt werden musste, was mit 80’000 Franken zu Buche schlug. Und schliesslich gab es noch eine weitere Hiobsbotschaft: Im grössten der fünf Brennhäfen hatte sich ein riesiger Riss gebildet.

Das Crowdfunding als Lösung der Probleme

Es sah bald so aus, als ob die junge Gesellschaft statt Obst zu brennen Geld verbrannte: Die Ausgaben waren erheblich höher als die Einnahmen. Dass es nicht zu einem schnellen Ende ihrer Geschäftstätigkeit kam, verdankt die Brennerei der Ausweitung ihres Aktionariats. Sie kaufte von den Gründungsmitgliedern Aktien zum Nominalwert von 100 Franken zurück und verkaufte sie mit einem Aufpreis von 150 Franken weiter. Heute zählt die Gesellschaft 458 Aktionärinnen und Aktionäre. Dank ihrem Engagement konnte der Verlust des ersten Jahres auf erträgliche 24’000 Franken reduziert werden. Die wirtschaftliche Situation blieb aber angespannt. Deshalb beschloss der Verwaltungsrat, die dringenden Reparatur- und Unterhaltsarbeiten über ein Crowdfunding zu finanzieren.

«Wir sind sehr erfreut über das Resultat unseres Crowdfundings. Es zeigt, dass die Zukunft unserer Brennerei der Bevölkerung von Dornach und Umgebung nicht egal ist», sagt Istvan Akos, der Verwaltungsratspräsident der Zeltner Destillerie AG. Rund 30’000 Franken hat die Wemakeit-Kampagne, dank der die dringenden Reparatur- und Revisionsarbeiten an der Brennanlage nun vorgenommen werden können, eingebracht.

Mit aussergewöhnlichen Ideen in die Zukunft

Die Reparaturarbeiten haben bereits begonnen, ein erfahrener Kupferschmied wird einen ganzen Monat damit beschäftigt sein, die Brennhäfen auf Vordermann zu bringen. Die Risse werden mit Silberlot bearbeitet, das einen Silbergehalt von 80 Prozent hat und entsprechend teuer ist. Auf die Brennsaison, die im Juli startet, wird die Anlage wieder voll funktionstüchtig zur Verfügung stehen. Das ist wichtig, denn 2018 verspricht ein gutes Obstjahr zu werden. Die beiden Brenner Antonio Esposito und Fabian Rehmann werden von den Bauern und Gartenbesitzern jede Menge vergorene Maische angeliefert bekommen. Daneben wird die Destillerie auch Kirschen, Äpfel, Birnen, Quitten, Mirabellen, Zwetschgen und weitere Früchte einkaufen, um ihre eigenen Edeldestillate zu brennen.

Eine Frage beschäftigt den pensionierten PR-Mann Akos aber immer wieder: Wie kann es das Unternehmen schaffen, in der breiten Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden? Wie werden seine Edeldestillate gekauft, seine Aktien gezeichnet und seine Anlässe gebucht? Für Inserate hat es kein Geld, zudem sind die Werbemöglichkeiten für Alkohol gesetzlich sehr stark eingeschränkt. Aus dieser Not heraus entstehen immer wieder Ideen, wie aktuell jene des «Re-Destill». Ausgehend davon, dass in den Kellern der Region jede Menge Schnaps- und Likörflaschen herumliegen und dort nur Staub ansetzen, lanciert Zeltner am 16. und 23. Juni 2018 in Basel, Liestal und Dornach eine grosse Sammelaktion, mit dem Ziel, aus den alten Destillaten einen feinen Recycling-Schnaps zu kreieren. Dies alles lässt uns bei unserem Besuch zum Schluss kommen, dass die Destillerie Zeltner bestens gerüstet ist für die kommenden 100 Jahre.

Wissenswert: Wie funktioniert das Brennen?

Am Beispiel der Kirsche lässt sich gut illustrieren, wie Schnaps hergestellt wird. Reife, gesunde Früchte werden in ein Fass gefüllt und leicht zerquetscht. Dann wird Brennhefe dazugegeben, die den Zucker in Alkohol verwandelt. Die alkoholhaltige Maische wird anschliessend langsam im Brennhafen erhitzt. Da Alkohol einen tieferen Siedepunkt hat als Wasser, steigt dessen Dampf hoch und wird kondensiert. Doch nicht alles, was unten raustropft, ist brauchbar: Der sogenannte Vorlauf stinkt nach Azeton und ist giftig. Der darauffolgende Mittellauf ist das, was man in der Flasche haben will. Am Schluss kommt schliesslich noch der Nachlauf, ein ungeniessbarer Fusel. Wo genau die Grenze zwischen den einzelnen Abschnitten gezogen wird, entscheidet die gute Nase des Brenners. In einem letzten Schritt wird der Alkoholgehalt mit destilliertem Wasser auf die gewünschte Prozentzahl reduziert. Gut wird der Schnaps jedoch erst, wenn er ein halbes oder ganzes Jahr reifen kann. Wie aber wird Brennmaterial vergoren, das keinen Fruchtzucker enthält, zum Beispiel Korn oder Kartoffeln? Dafür muss die Stärke zuerst in vergärbaren Zucker umgewandelt werden. Dazu fügt der Brenner Enzyme hinzu, die diese Arbeit verrichten.

Mehr über die Zeltner Destillerie AG:

www.zeltnerdestillerie.ch

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Valerie Seitz
Social Media & Content Management bei BLKB
Valérie Seitz ist Online Content Managerin bei der BLKB. Sie ist am Puls der sozialen Netzwerke und hält den Blog mit aktuellen Einblicken auf dem Laufenden.

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