Weniger ist nicht mehr

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Demographische Veränderungen als Investmentthema

Europa ist von Überalterung betroffen, und auch anderen Kontinenten, mit Ausnahme von Afrika, droht ein ähnliches Schicksal. In Europa erreichten die Geburtenzahlen bereits Mitte der Sechzigerjahre ihren Höhepunkt – Babyboomer wird die Generation dieser geburtenstarken Jahrgänge genannt. Da die folgenden Jahrgänge vom Pillenknick betroffen waren und die Babyboomer nun laufend pensioniert werden, wird es eng am Arbeitsmarkt – insbesondere wenn sich die Konjunktur wie zurzeit gut entwickelt.

Fachkräfte dringend gesucht

Wer denkt, dass der Arbeitskräftemangel erst in einigen Jahren akut wird, liegt aber falsch. Gemäss dem Institut der deutschen Wirtschaft fehlen in Deutschland zurzeit rund 440‘000 Fachkräfte. Dies soll das Wirtschaftswachstum der europäischen Wirtschaftslokomotive jährlich um ein ganzes Prozent reduzieren. Viele deutsche Unternehmen berichten, dass sie inzwischen Aufträge ablehnen müssen. Der jüngste Arbeitsmarktreport des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) bestätigt dies. Fast jedes zweite der 24‘000 befragten Unternehmen hat Schwierigkeiten, offene Stellen zu besetzen. Vor einem Jahr waren es nur 37 Prozent, vor vier Jahren 24 Prozent. Auch die Schweiz verzeichnet eine ähnliche Entwicklung. Die Zahl der bei den RAV gemeldeten offenen Stellen erhöhte sich im März diesen Jahres auf 12’131 Stellen; die Arbeitslosenquote sank auf 3,4%. Besonders viele offene Stelle gibt es in den exportorientierten Branchen wie der Pharma und Chemie sowie dem Maschinenbau. Auch im Pflegebereich ist die Anzahl offener Stellen besonders hoch. Die gute konjunkturelle Entwicklung im Euroraum hat 2017 ausserdem dazu geführt, dass weniger Arbeitssuchende in die Schweiz kamen. Gesamthaft sind die Schwierigkeiten bei der Personalrekrutierung in der Schweiz bereits heute hoch. Laut dem Bundesamt für Statistik konnten im vierten Quartal des letzten Jahres durchschnittlich 30,4% der gesuchten qualifizierten Arbeitskräfte schwer oder nicht gefunden werden.

Gegenmittel Automatisierung?

Die öffentliche Diskussion um die Automatisierung wird zurzeit von den möglichen negativen Folgen für den Arbeitsmarkt dominiert. Es gibt verschiedene Treiber für die zunehmende Automatisierung. Dabei stehen die Senkung der Produktionskosten und die Steigerung der Produktivität im Vordergrund. Die Folgen sind noch nicht genau abschätzbar. Manche Studien sehen die Roboter als wahre Vernichter von Arbeitsplätzen, während andere glauben, dass die verlorenen Industriejobs durch neue Aufgaben im Dienstleistungsbereich und der IT kompensiert werden. Sicher ist, dass es aufgrund der schnellen Veränderungen zumindest in den ersten Phasen zu einem substanziellen Stellenabbau kommen wird. Dämpfend wirkt dabei der besprochene Arbeitskräftemangel, der die Automatisierung bereits jetzt antreibt. So hat zum Beispiel der iPhone-Lieferant Foxconn intensiv in Roboter investiert, weil selbst in China Industriearbeiter aufgrund der Ein-Kind-Politik inzwischen knapp geworden sind. Auch im von Überalterung geprägten Japan überbrückt die Automatisierung fehlende Arbeitskräfte, zum Beispiel im Bauwesen und bei der Alterspflege.

Überalterung schafft auch Opportunitäten

Nebst der Tatsache, dass die meisten Unternehmen durch einen Mangel an Arbeitskräften herausgefordert werden, entstehen – nicht nur für die Hersteller von Robotern – auch Chancen durch die demographische Entwicklung. Aufgrund der zunehmenden Lebenserwartung nimmt der Bedarf an medizinischen Produkten und Pflegeleistungen zu. Im Auge behalten müssen die Pharma- und Medizinaltechnikunternehmen dabei aber die Kosteneffizienz. Da die finanzielle Belastung der Gesundheitssysteme laufend zunimmt, müssen Produkte entwickelt werden, die ein optimiertes Preis-/Leistungsverhältnis aufweisen. Personalisierte Medizin ist zum Beispiel ein Weg, die Effizienz von Pharmaprodukten zu verbessern. Direkt profitieren werden auch Unternehmen, die Pflegedienstleistungen, wie den Betrieb von Altersheimen, anbieten. Und schliesslich kann die Finanzindustrie mit attraktiven Vorsorgeprodukten beitragen, die Folgen der demographischen Veränderung zu meistern.

«War for Talents» – Wettbewerb um Mitarbeitende

Im angelsächsischen Raum spricht man bereits seit Jahrzehnten vom sogenannten «War for Talents» – auf Deutsch übersetzt dem Krieg um Talente. Damit meint man die Suche nach hochqualifizierten Mitarbeitenden im Bereich Forschung oder Top-Management. Dieser «Krieg» weitet sich inzwischen auf alle Mitarbeitenden aus. Dies erhöht die Bedeutung der Attraktivität als Arbeitgeber nochmals deutlich. Wer gute Arbeitsbedingungen anbieten kann und über eine gute Reputation verfügt, hat zunehmend Vorteile im Arbeitsmarkt.

Demographie beim Geld Anlegen berücksichtigen

Als Anlegerin oder Anleger kommt man also an diesem Thema nicht mehr vorbei. Unternehmen jeglicher Branchen sind oder werden bald mit der zunehmenden Enge des Arbeitsmarktes konfrontiert sein. Während in der klassischen Finanzanalyse Aspekte wie Arbeitsbedingungen und Mitarbeiterzufriedenheit kaum analysiert werden, erweitert eine Nachhaltigkeitsanalyse das Sichtfeld. Diese berücksichtigt nebst rein finanziellen Aspekten auch für Unternehmen wesentlichen Risiken und Chance aus den Bereichen Umwelt, Soziales und Unternehmensführung. In Falle der Attraktivität als Arbeitgeber gilt es zu prüfen, ob Unternehmen die Mitarbeiterzufriedenheit erfassen und auf welchem Niveau diese sich befindet. Welche Weiterbildungsmöglichkeiten und Arbeitszeitmodelle bieten Unternehmen an? Und natürlich: Wie hoch ist die Mitarbeiterfluktuation? Diese Informationen sind finanziell relevant und unterstützen den aktiven Anleger bei der Beurteilung der längerfristigen Zukunftsaussichten eines Unternehmens. Denn trotz Robotern und Algorithmen werden gut ausgebildete und motivierte Mitarbeitende weiterhin das Rückgrat jedes Unternehmens bleiben.

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Andreas Holzer on Linkedin
Andreas Holzer
Investment Specialist bei BLKB
Andreas Holzer ist Investment Specialist bei der BLKB. Er setzt sich vertieft mit Anlagethemen und den Anlageprodukten der BLKB auseinander. Dabei wirkt er unterstützend bei der Kundenbetreuung, der Entwicklung von Produkten und erarbeitet Inhalte für Marketingaktivitäten.

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