Unternehmen verstärken Kontrolle über Lieferkette

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Von Lithium bis zu Haselnüssen

Die gängige Managementlehre besagte bisher, dass sich Unternehmen auf Kernaktivitäten fokussieren sollen. Rohstoffe oder Komponenten können von spezialisierten Zulieferern bezogen und dann zum Produkt verarbeitet beziehungsweise zusammengefügt werden. Seit Kurzem manifestiert sich aber ein Gegentrend. Unternehmen in verschiedensten Branchen beginnen, sich den Zugang zu Schlüsselressourcen stärker zu sichern. Es gibt mehrere Faktoren, die diese Entwicklung fördern.

Keine Energiewende oder Digitalisierung ohne Rohstoffe

Digitalisierung findet keineswegs nur virtuell statt. Sie steigert den Bedarf an Elektronik massiv, und für diese werden wiederum grosse Mengen an Rohstoffen benötigt. Dasselbe gilt für erneuerbare Energien wie Wind und Solar sowie Elektroautos. Kernstück des Elektroautos ist die Batterie – und damit auch die Rohstoffe Lithium und Kobalt. BMW hat bereits Lieferverträge vereinbart, um die diesbezügliche Versorgung für die nächsten zehn Jahre sicherzustellen. Volkswagen seinerseits hat Anfang dieses Jahres einen Liefervertrag über 25 Mrd. US-Dollar mit den drei grössten chinesischen und koreanischen Batterieproduzenten unterschrieben, und Toyota hat eine 15-prozentige Beteiligung an einem australischen Lithiumproduzenten übernommen. Auch der chinesische Batteriezulieferer GEM kooperiert mit dem Schweizer Rohstoffkonzern Glencore und sichert sich so ein Drittel der weltweiten Kobaltproduktion. Glencore will die Kobaltförderung in den kommenden zwei Jahren verdoppeln. Ein Viertel der weltweiten Kobaltproduktion wird heute für Smartphones genutzt. Apple soll sich deshalb direkt mit Minenbetreibern in langfristigen Vertragsverhandlungen befinden.

Nahrungsmittelhersteller exponiert

In der landwirtschaftlichen Lieferkette spielt der Klimawandel eine wichtige Rolle. Nahezu sämtliche landwirtschaftlichen Produkte sind davon betroffen, besonders aber Kaffee, Tee, Kakao und Haselnüsse. Bereits kleine Veränderungen des Klimas können die Ernte beeinträchtigen und damit die Preise substanziell beeinflussen. So gab es beispielsweise aufgrund von späten Kälteeinbrüchen im grössten Produktionsland Türkei bei Haselnüssen in den letzten Jahren Ernterückgänge um über 50 Prozent. Um den steigenden Einkaufspreisen weniger ausgesetzt zu sein, hat der grösste Haselnussverbraucher der Welt, Ferrero, deshalb bereits im Jahr 2013 Haselnussplantagen gekauft. Die Schokoladenhersteller Nestlé, Lindt und Barry Callebaut setzen dagegen auf eine verstärkte Zusammenarbeit mit den Kakaobauern in Entwicklungsländern. Die Anbaumethoden sollen dadurch verbessert, die Löhne erhöht und Kinderarbeit vermieden werden. So kann eine tragfähige Versorgung mit dieser Schlüsselressource ermöglicht werden.

Nachhaltigkeit als zentraler Markenwert

In der Luxusbranche sind Design, Reputation, Geschichte und Qualität zentrale Treiber. Diese immateriellen Werte machen bei vielen Luxusgüterunternehmen einen grossen Teil der Marke und der Börsenkapitalisierung aus. Entsprechend sind Negativschlagzeilen Gift für den Unternehmenswert. Damit kann Nachhaltigkeit zu einem zentralen Thema der Werthaltigkeit einer Marke werden. Die Umwelt- und Sozialwirkungen des Abbaus und der Verarbeitung der drei zentralen Materialien Gold, Edelsteine und Leder können sehr hoch sein. Konzerne wie Kering und LVMH haben aus diesem Grund klare Umwelt- und Sozialrichtlinien für Lieferanten. Für ausgewählte Rohstoffe werden Lieferanten auch aufgekauft. LVMH und Hermès haben zum Beispiel bereits vor Jahren Lederverarbeiter akquiriert, Kering hat die Kontrolle über Pythonfarmen übernommen, um die Haltungsbedingungen zu verbessern, und Ermenegildo Zegna besitzt Anteile an Schaffarmen in Australien.

Rohstoffbeschaffung als Investmentthema

Durch die verstärkte vertikale Integration der Lieferkette können sich Unternehmen besser vor den Folgen der Ressourcenknappheit und des Klimawandels sowie den steigenden Anforderungen an Umwelt- und Sozialverträglichkeit schützen. Das wird sich längerfristig positiv auf den Unternehmenswert auswirken. Die betroffenen Unternehmen müssen dabei neue Wege gehen. Dies kann über den Kauf von Rohstoffproduzenten, langfristige Lieferverträge oder eine direkte Zusammenarbeit mit den Produzenten erfolgen. Anlegerinnen und Anleger sollten bei Investitionsentscheiden darauf achten, dass Unternehmen in den beschriebenen Branchen diesbezüglich eine klare Strategie haben sowie über die notwendigen Investitionskapazitäten verfügen.

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Andreas Holzer on Linkedin
Andreas Holzer
Finanzanalyst bei BLKB
Andreas Holzer ist Analyst im Investment Center der BLKB. Er ist Spezialist für Nachhaltiges Investieren, das heisst die Beurteilung von Umwelt-, Sozial- und Governanceaspekten und die Erarbeitung von entsprechenden Anlagelösungen.

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