Ermittlung der ökologischen und sozialen Wirkung von Produkten

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Life-Cycle Assessments als Informationsquelle für Investoren

In einigen Branchen und Unternehmen gehört es bereits zum Standard, die Produktpalette nicht nur auf ökonomische Kriterien hin zu untersuchen, sondern die Analyse auf ökologische Aspekte auszuweiten. Solche Betrachtungen werden oft als «life-cycle assessments» bezeichnet, häufig findet man aber auch die Ausdrücke «life-cycle analysis», «ecobalance» und «cradle-to-cradle (oder «cradle-to-grave») analysis». Im deutschen Sprachgebrauch haben sich die Begriffe «Lebenszyklusanalyse» oder «Ökobilanz» durchgesetzt.

Systematische Erfassung der ökologischen Auswirkungen

Das Ziel von solchen Analysen ist es, die Umweltwirkung der Produkte während ihres gesamten Lebensweges systematisch zu analysieren, das heisst sie gehen über die ökologischen Wirkungen während der Produktion hinaus und beschäftigen sich zusätzlich mit der Nutzungsphase und der Entsorgung. In jeder Phase werden die Entnahmen aus der Umwelt (z.B. Erze, Rohöl) sowie die Emissionen in die Umwelt (z.B. Abfälle, CO2) berechnet. Solche Analysen können dann verwendet werden, um die betrieblichen Abläufe auf mögliche ökologische Risiken und Schwachstellen zu überprüfen und Optimierungspotenziale zu eruieren.

Vorteile für die Unternehmen

In Europa gehören zum Beispiel der Nahrungsmittelkonzern Nestlé und der Luxusgüterhersteller Kering zu den Firmen, die dieses Steuerungsinstrument bereits seit mehreren Jahren systematisch anwenden. Kering hat sich mit seinem Verfahren des «Environmental Profit & Loss» (EP&L) zum Ziel gesetzt, die Auswirkungen seines Geschäftes auf die Umwelt über die ganze Lieferkette zu ermitteln und diese dann zu monetarisieren. So kann das Unternehmen Kosten für die Umwelt zusammen mit den konventionellen Kosten analysieren und Nachhaltigkeitsüberlegungen ins Zentrum der Geschäftsentscheidungen stellen. Gemäss Kering führte die Einführung des EP&L-Verfahrens zu einer Verbesserung der Zusammenarbeit mit den Zulieferern, einer erhöhten Transparenz gegenüber Stakeholdern und einer Verbesserung der Nachhaltigkeitsleistung in der Lieferkette, zum Beispiel hinsichtlich Qualität und Angebotsfluktuation bei den Rohmaterialien. Gerade letztere gelten bei Luxusgütern als sehr geschäftsrelevante Aspekte.
Nestlé gewinnt durch die Lebenszyklusanalysen Erkenntnisse zur Verbesserung der umweltbezogenen Performance, kann auf Bedenken von Stakeholdern reagieren und stellt Fakten zur Untermauerung von Marketing-Kampagnen zur Verfügung. Bis Ende 2016 hat der Nahrungsmittelkonzern für 14 Produktkategorien Nachhaltigkeitsprofile erstellt und plant, diese bis 2020 auf 20 Kategorien auszuweiten. Die Profile geben Auskunft über «Hotspots» hinsichtlich signifikanten Umwelteinflüssen und den Massnahmen, die Nestlé zur Verminderung negativer Auswirkungen ergreift.

Zusätzliche Erfassung der sozialen Auswirkungen

Der deutsche Konzern BASF geht mit seiner Sozio-Ökoeffizienz-Analyse «Seebalance» noch einen Schritt weiter. Zusätzlich zu den ökonomischen und ökologischen werden produktbezogene soziale Indikatoren erhoben, wie zum Beispiel die Anzahl der durch das Produkt geschaffenen Arbeitsplätze und mit dem Produkt in Verbindung stehende Arbeitsunfälle. So können die sozialen Auswirkungen von Produkten und die Herstellungsverfahren bewertet werden. Für BASF hat die Anwendung dieser Methode zum Ziel, den Nutzen für die Gesellschaft auf Produktebene bestimmen zu können.

Vorteile für die Investoren

Aus Investorensicht sind diese Ansätze von Unternehmen eine wertvolle Informationsquelle, um das Geschäftsmodell beurteilen zu können. Lebenszyklusanalysen zeigen Risiken auf und geben Auskunft darüber, wie sich das Unternehmen gegenüber diesen positioniert. Ist durch die ergriffenen Massnahmen eine Risikominderung erkennbar, sinken die Kapitalkosten und damit steigt die Unternehmensbewertung. Durch die Anwendung in der Produktentwicklung können Optimierungspotenziale gefunden werden. Dadurch entsteht einerseits ein positiver Einfluss auf die operativen Margen. Andererseits können die Erkenntnisse Impulse für die Entwicklung neuer Produkte liefern und damit neue Absatzmärkte erschliessen. Ein gesamthaft betrachtet positiver gesellschaftlicher Beitrag ist daher ein wichtiger Bestandteil der langfristigen Wertsteigerung eines Unternehmens.

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Regula Simsa
Finanzanalystin bei BLKB
Regula Simsa ist Analystin im Investment Center der BLKB. Sie ist zuständig für die Finanzanalyse unter Einbezug von Nachhaltigkeitsaspekten, das heisst die Beurteilung von Umwelt-, Sozial- und Governancekriterien und die Erarbeitung von entsprechenden Anlagelösungen.

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