Der holprige Weg zur Zinsnormalisierung

0
1
2

Die Ankündigung der EZB, ihre monatlichen Anleihenkäufe (Quantitative Easing, QE) ab 2018 von 60 Mrd. Euro auf 30 Mrd. Euro zu halbieren, wurde von den Aktien- und Obligationenmärkten mit höheren Kursen begrüsst. Die Anleger sind sich einig: Trotz diesem sogenannten Tapering werden die Zinsen nur langsam steigen.

Inflationsaussichten bleiben verhalten

Die Weltwirtschaft läuft auf Hochtouren. Für 2017 geht die Welthandelsorganisation WTO von einem globalen Wachstum von 3.9% aus und der Internationale Währungsfonds IWF sogar von einem globalen Wachstum von 4.2% – das erste Jahr synchronem Wachstums weltweit seit der Finanzkrise. Trotz Geldschwemme und Vollbeschäftigung am US-Arbeitsmarkt scheinen die klassischen Inflationstreiber aber nicht zu greifen. Obwohl es das wirtschaftliche Umfeld den Zentralbanken ermöglichen würde, die Zinsen zu erhöhen, hat die anhaltend tiefe Inflation diesen Schritt bisher immer wieder verhindert. Einzig die US-Notenbank Fed konnte hier bereits Aktivitäten zeigen. Die Europäische Zentralbank (EZB) und die Schweizerische Nationalbank (SNB) sind davon noch weit entfernt.

Geldmenge sinkt nur langsam

Im Gegensatz zur Fed, die noch dieses Jahr anfangen will, ihre Bilanzsumme und damit die Geldmenge zurückzufahren, wird bei der EZB vorerst davon geredet, die Geldmengenausweitung nur noch mit halber Geschwindigkeit fortzusetzen. Als mögliches Ende des QE wird September 2018 in Aussicht gestellt – im besten Fall. Denn sollte bis dahin die Inflation im EU-Raum die 2%-Marke nicht erreichen, dürfte der monetäre Stimulus anhalten. Ohne ein Ende des QE wird es auch keine Leitzinserhöhungen geben können. Entsprechend erwarten Anleger von der EZB erste Zinsschritte frühestens Ende 2018 und eine Reduktion der Geldmenge über eine Bilanzverkürzung nicht vor 2020. Dabei dürfte die Bilanzrückführung deutlich länger andauern als deren Expansion zwischen 2009 und 2016. Entsprechend lange dürfte auch die SNB ihre Zinsen unverändert im negativen Bereich belassen.

Aktien und Unternehmensanleihen im Fokus

Während sich Aktieninvestoren also nicht vor unmittelbaren Zinserhöhungen fürchten müssen, dürften sich Obligationäre die Frage stellen, welche Auswirkungen das reduzierte QE auf die Anleihenmärkte haben dürfte. Die EZB wird aller Voraussicht nach die Käufe zum überwiegenden Teil bei Staatspapieren reduzieren, da sie nicht mehr als 33% der ausstehenden Staatsschulden halten darf. Staatsanleihen dürften demzufolge leichte Rückschläge in Kauf nehmen müssen, wohingegen Unternehmensanleihen grösstenteils stabil tendieren sollten. Dabei werden die Kurse der Unternehmensanleihen durch die guten Gewinnaussichten der Firmen zusätzlich begünstigt. Basierend auf den Gewinnschätzungen für 2018 erscheinen Aktien ebenfalls wieder deutlich günstiger bewertet. Risikofreudigere Anleger dürften dann nebst Unternehmensanleihen auch direkt zu Aktien greifen.

1
2
Teilen.
Patrik A. Janovjak, CIIA
Leiter Investment Center bei BLKB
Patrik A. Janovjak leitet seit 2012 das Investment Center der BLKB. Als CIO verantwortet er die nachhaltige Vermögensverwaltung und spezialisiert sich auf langfristige Anlagethemen mit Schwerpunkten im Bereich ESG.

Eine Antwort geben