Brasiliens Turnaround in Gefahr

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Das zarte, aber in den letzten Monaten stark gewachsene Pflänzchen des wirtschaftlichen Aufschwungs in Brasilien wurde in den vergangenen Wochen nochmals einem heftigen Sturm ausgesetzt. Die mögliche Verstrickung des konservativen und im Volk wenig beliebten Präsidenten Michel Temer in das wiederaufflammende Korruptionsthema lastet auf der Hoffnung für einen Turnaround in Brasilien. Die Ereignisse schickten den brasilianischen Aktienmarkt vor zwei Wochen innert eines Tages mit einem Minus von rund 10% auf Talfahrt.

Strukturreformen zentral

Die zurzeit entscheidende Frage für Investoren ist, ob bei einer Absetzung des Präsidenten die geplanten Reformen, beispielsweise in den Bereichen Arbeitsrecht oder Renten, umgesetzt würden. Die Finanzmärkte haben in der jüngeren Vergangenheit gezeigt, dass sie politische Risiken relativ gut beurteilen können. Die Gegenbewegung an der brasilianischen Börse in den Tagen nach dem ersten Schock lässt vermuten, dass die Investoren bisher davon ausgehen, dass auch ein möglicher Nachfolger Temers die Reformen grösstenteils umsetzen würde. Noch haben die Reformen die Unterstützung der Koalition im Parlament. Allerdings dürften auch der zurzeit sehr hohe Optimismus der Anleger, mangelnde Anlagealternativen und die offenen Geldschleusen zur raschen Beruhigung am Aktienmarkt beigetragen haben.

Kein nachhaltiger Aufschwung

Die Konjunktur befindet sich heute – ganz im Gegensatz zur Amtszeit von Dilma Roussef – im Aufschwung: Das Wachstum zieht an, Jobs werden geschaffen und die Inflation liegt bei vergleichsweise tiefen 4%. Brasiliens Wirtschaft hat im Hinblick auf die von Temer vorgeschlagenen Reformen sicher weiteres Aufholpotenzial. Mittel- und langfristig ist der wirtschaftliche Erfolg aber durch das angeschlagene Vertrauen in die Politik und die grassierende Korruption begrenzt. Einerseits beeinträchtigt Korruption die wirtschaftlich und sozial sinnvolle Verwendung von staatlichen Geldern, andererseits führt sie zu Wettbewerbsverzerrungen sowie höheren Kosten für die Bürger. Letztlich sinkt dadurch das für eine Volkswirtschaft so wichtige Gut des Vertrauens. Eine Lösung des Problems ist nicht in Sicht, denn Brasilien schneidet bei der Korruptionsbekämpfung im weltweiten Vergleich schlecht ab.

Volatiles Wachstum

Die genannten Zusammenhänge gelten nicht nur für Brasilien. Investitionen in Schwellenländer sind aufgrund des dort meist hohen Wachstums und der zunehmenden Mittelschicht generell interessant. Lateinamerika und auch Asien haben dieses Jahr bisher an der Börse gut abgeschnitten. Themen wie Korruption, politische Risiken oder Menschenrechte müssen aber – wie der Fall Brasilien zeigt – systematisch berücksichtigt werden, denn sie können den Anlageerfolg besonders in diesen Regionen beeinträchtigen.

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Andreas Holzer on Linkedin
Andreas Holzer
Finanzanalyst bei BLKB
Andreas Holzer ist Analyst im Investment Center der BLKB. Er ist Spezialist für Nachhaltiges Investieren, das heisst die Beurteilung von Umwelt-, Sozial- und Governanceaspekten und die Erarbeitung von entsprechenden Anlagelösungen.

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