Ist der Traum vom Eigenheim ausgeträumt?

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Welche Themen beschäftigen aktuell den Hypothekarmarkt? Ist der Traum von den eigenen vier Wänden für junge Familien ausgeträumt? Diese und weitere Fragen beantwortet Prof. Dr. Donato Scognamiglio, CEO der IAZI AG, exklusiv in unserem Interview.

Strengere Hypothekarvergaberichtlinien

Eine hitzige Tragbarkeitsdebatte prägte in den letzten Monaten den Schweizer Hypothekarmarkt. Im Zentrum dieser Debatte standen die hohen Immobilienpreise in der Schweiz sowie die strengen Hypothekarvergaberichtlinien der Banken. Gemäss Prof. Dr. Donato Scognamiglio haben die Preise für Wohneigentum in der Schweiz in den letzten zehn Jahren um rund 60% zugelegt. Um diesem starken Preisaufschwung und einer Überhitzung des Immobilienmarktes entgegenzuwirken, haben die Banken zwischen 2012 und 2014 strengere Mindestanforderungen für die Vergabe von Hypotheken beschlossen. Unter anderem wurde eine Amortisationspflicht für Hypothekarkredite eingeführt sowie Vorschriften über den Anteil von selbst ersparten Eigenmitteln erlassen.

Erste Hürde: Eigenmittel

Zur Zeit muss ein Schweizer Haushalt mit einem Brutto-Jahreseinkommen von 125’000 Franken ungefähr acht Jahreseinkommen für den Kauf eines Einfamilienhauses aufwenden. Für eine Stockwerkeigentumseinheit circa sechs bis sieben. Dabei muss die Käuferschaft 20% des Erwerbspreises aus eigenen Mitteln finanzieren, das heisst durchschnittlich 200’000 Franken. Bereits diese Hürde stellt sich für viele potenzielle Wohneigentümer als unüberwindbar heraus.

Zweite Hürde: Tragbarkeit

Eine Studie der Raiffeisenbank zeigt, dass sich aktuell fast jeder Schweizer Haushalt Wohneigentum leisten könnte. Aber eben nur könnte. Denn die meisten Banken rechnen bei der Tragbarkeitsberechnung nach wie vor mit einem kalkulatorischen Zinssatz von 5 Prozent. Dieses Zinsniveau hatten wir in der Schweiz das letzte Mal um die Jahrtausendwende. Gemäss der Raiffeisenstudie können sich die Schweizer Haushalte mit den aktuellen Tragbarkeitsvorschriften nur noch rund 40 Prozent der Objekte leisten. Für ein Haus mit einem Wert von einer Million Franken und einer Hypothek von 800’000 Franken muss ein Haushalt über rund 170’000 Brutto-Jahreseinkommen verfügen, um die Tragbarkeitsvorschriften zu erfüllen.

Zusammenstellung der kalkulatorischen Kosten:

Kalkulatorische Kosten

Konsequenzen einer gelockerten Tragbarkeitspolitik

Einige Bankenvertreter halten die aktuellen Tragbarkeitsvorschriften für übervorsichtig, andere halten sie für angemessen. Fakt ist jedoch, würden die Tragbarkeitsregeln gelockert, könnten sich logischerweise mehr Leute Wohneigentum leisten. Kurz über lang kann eine steigende Nachfrage dazu führen, dass sich die Immobilienpreise noch weiter verteuern. Wie hoch dieser Preisanstieg sein könnte, lässt sich schwer beziffern. Er hängt massgeblich davon ab, wie hoch die Zusatznachfrage sein würde und in welchem Verhältnis sich das Angebot zur Nachfrage entwickelt. Mit tieferen Tragbarkeitshürden könnten sich also mehr Haushalte den Traum vom Eigenheim erfüllen, müssten aber aufgrund der steigenden Preise tiefer in die Tasche greifen. Dazu wären sie noch höher verschuldet. Die hohen Tragbarkeitsanforderungen tragen also unter anderem dazu bei, den Immobilienmarkt vor einer Überhitzung zu bewahren.

Weiterführende Informationen

Tragbarkeitsrechner

20 Jahre Wohneigentumsboom

Wie wir uns die nächste Immobilienkrise basteln

Zurückkrebsen bei Billig-Hypotheken 

Hypotheken. Die Modelle im Überblick

Checkliste Finanzierungsunterlagen

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Fabienne Schindler
Verantwortliche Produktmanagement Hypotheken bei BLKB
Fabienne Schindler ist Betriebsökonomin FH und arbeitet als Produktmanagerin bei der BLKB im Bereich Hypotheken und Immobilien. Sie versorgt die Leserinnen und Leser regelmässig mit Beiträgen rund um die Themen „Mieten, Kaufen, Wohnen“.

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