Die Brexit-Uhr beginnt zu ticken

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Neun Monate nach der denkwürdigen Brexit-Abstimmung hat Grossbritannien den Austritts-Antrag eingereicht. Damit tritt zum ersten Mal in der Geschichte ein Mitglied aus der Gemeinschaft aus. Nun beginnen die zweijährigen Verhandlungen über den Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU.

Die britische Premierministerin Theresa May betonte, dass sie eine «tiefe und besondere Partnerschaft» mit der EU anstrebe. Es zeichnet sich aber jetzt schon ab, dass Brüssel eine harte Haltung gegenüber Grossbritannien einnehmen wird, um nicht andere Staaten zu ermuntern, ebenfalls den britischen Weg zu beschreiten. Die EU befindet sich in einer entsprechend guten Verhandlungsposition gegenüber dem Königreich. Für Grossbritannien ist Kontinentaleuropa der wichtigste Handelspartner mit einem Exportanteil von 54% und einen Anteil von 44% bei den Importen. Umgekehrt liegt dieser Anteil deutlich tiefer.

Entflechten

Es geht in den kommenden Monaten zunächst darum, die gegenseitigen Verflechtungen aufzulösen, die in den letzten Jahrzenten entstanden sind. Der acquis communautaire der EU, der alle Rechtsakte umfasst, die für die Mitgliedstaaten der EU verbindlich sind, umfasst 19‘000 Gesetzestexte, die überarbeitet oder gestrichen werden müssen – eine Herkulesaufgabe. Der Brexit bringt aber auch grosse Herausforderungen für die britischen Banken mit sich. Deshalb wird die Bank of England die sieben grössten britischen Banken einem Stresstest unterziehen. Dabei werden ein tiefer Konjunktureinbruch und eine starke Abwertung der britischen Währung zugrunde gelegt. Die Ergebnisse des Tests werden zwar erst für das 4. Quartal dieses Jahres erwartet, aber Gerüchte aus den wie immer «gut informierten Kreisen» könnten bereits im Vorfeld für Nervosität an den Finanzmärkten sorgen.

Zunächst geht es darum, zwischen der EU und Grossbritannien einen gemeinsamen Fahrplan für die anstehenden Verhandlungen zu finden. Im Frühsommer sollen dann die Verhandlungen über die Schlussabrechnung (sog. «exit-bill») mit der EU beginnen, wo es unter anderem um EU-finanzierte Projekte in Grossbritannien oder Beiträge für die Pensionen von EU-Beamten geht. Die Rede ist von 60 Mrd. Euro.

Fundamentales Umfeld bleibt gut

In Anbetracht der langwierigen und komplizierten Brexit-Verhandlungen dürfte sich das britische Pfund weiterhin volatil entwickeln. Die Börse wird hin- und hergerissen sein zwischen besseren Konjunkturaussichten in Europa mit steigenden Gewinnerwartungen der Unternehmen und dem negativen Einfluss eines möglichen harten Brexit. Insgesamt spricht jedoch vieles für einen guten europäischen Aktienmarkt. In den kommenden Wochen werden London und Brüssel ihre harte Haltung bekräftigen. Die wirtschaftlichen Verflechtungen und Abhängigkeiten sind aber zu gross und zu wichtig, als dass nicht beide Seiten an einer vernünftigen Lösung interessiert wären. Es bleibt jedenfalls spannend.

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Daniel Bosshard, CEFA
ehemaliger Mitarbeiter bei BLKB
Daniel Bosshard ist ein ehemaliger Mitarbeiter der BLKB. Er leitete den Bereich Research & Investment Solutions.

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