Roboter: Segen für die Börse und Fluch für die Gesellschaft?

0
6
0

Das Thema Automatisierung elektrisiert Anleger und verunsichert gleichzeitig Arbeitnehmer. Die zurzeit sprunghafte Entwicklung der Automatisierung wird durch Fortschritte in der Robotik und der künstlichen Intelligenz (KI) vorangetrieben. Es steht ausser Frage, dass diese vierte industrielle Revolution Wirtschaft und Gesellschaft stark verändern wird.

Automatisierung + Vernetzung + Datenanalyse = Industrie 4.0

Automatisierung ist nichts Neues. Roboter sind zum Beispiel für repetitive Aufgaben in Autofabriken bereits seit Jahrzehnten im Einsatz. Durch Fortschritte in der Robotik, Computertechnologie, Datenanalyse, Sensorik, Vernetzung und KI läuft jetzt aber eine neue Welle der industriellen Automatisierung: Die sogenannte Industrie 4.0. Zentraler Aspekt ist dabei das maschinelle Lernen, in der das System aus grossen Datenmengen Erkenntnisse ableitet und umsetzt. Neu ist, dass aufgrund der KI auch Wissensarbeit von der Automatisierung betroffen ist. Dabei stehen kaufmännische Jobs, der Verkauf generell sowie die Finanzindustrie und Telekom im Vordergrund. Bei einem Teil dieser Automatisierung kann der Kundennutzen und somit die Akzeptanz hinterfragt werden.

Kosten und Demographie als Innovationstreiber

Es gibt verschiedene Treiber für die Industrie 4.0. Dabei stehen die Senkung der Produktionskosten und die Steigerung der Produktivität im Vordergrund. Vernetzte Maschinen und Roboter können z.B. anhand einer laufenden Überwachung besser ausgelastet, beliefert und gewartet werden. Dies beeinflusst zudem den Energieverbrauch und die Qualität positiv. Auch fehlende Arbeitskräfte fördern die Automatisierung: So hat zum Beispiel der iPhone-Lieferant Foxconn massiv in Roboter investiert, weil selbst in China Industriearbeiter inzwischen knapp geworden sind. Im von Überalterung geprägten Japan überbrückt die Automatisierung fehlende Arbeitskräfte, zum Beispiel im Bauwesen und bei der Alterspflege.

Die Automatisierungs-Gewinner

Für Anleger stellt sich die Frage, wie sie ihr Portfolio positionieren sollen. Verschiedene europäische Unternehmen sind im Bereich des stark konsolidierten Automatisierungs-Marktes tätig. Bei Siemens macht Industrieautomatisierung rund einen Viertel des Umsatzes aus und ist eines der wichtigsten Wachstumsfelder. Das Unternehmen ist Weltmarktführer sowie grösster Anbieter von Industriesoftware und hat eine eigene Division Digitale Fabrik. ABB, die sich selbst einen versteckten digitalen Champion nennt, ist mit seinen zwei Divisionen Robotics and Motion sowie Industrial Automation stark auf die vierte industrielle Revolution ausgerichtet. Insgesamt kommen 40% des Umsatzes aus der Automatisierung. Das französische Unternehmen Schneider gehört ebenfalls zu den grössten Automatisierungsunternehmen weltweit und deckt dabei von Prozess- und Maschinenautomatisierung bis zu Robotern alle Bereiche ab. Grosser Nachholbedarf bezüglich Automatisierung besteht dagegen in China. Es verwundert deshalb nicht, dass der chinesische Elektrogerätehersteller Midea im letzten Jahr den deutschen Roboterbauer Kuka übernommen hat.

Der Branchenverband ZVEI (Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie) schätzte den Weltmarkt für Automatisierung 2015 auf etwa 435 Milliarden Euro. Für 2017 erwartet er ein Wachstum von 3%. Sehr dynamisch verhalten sich die Bereiche Industriesoftware und Robotics. Letzterer dürfte gemäss International Federation of Robotics (IFR) 2016 bis 2018 jährlich mindestens 15% wachsen. Bis 2019 werden rund 1,4 Millionen neue Roboter in die Fabriken rücken, viele davon sogenannte Cobots, also Geräte mit kooperativen Fähigkeiten. Die höchsten Produktivitätsfortschritte können erreicht werden, wenn Mensch und Maschine mit ihren unterschiedlichen Stärken kombiniert werden.

Der volkswirtschaftliche Preis

Der Erfolg neuer Technologien hängt von verschiedensten Faktoren ab: Nebst den technischen Herausforderungen und Kosten beeinflussen auch Politik, Gesetze, Sozial- und Umweltaspekte sowie das Verhalten der Konsumenten den Erfolg einer Technologie. Die öffentliche Diskussion um die Automatisierung wird zurzeit von den möglichen Folgen für den Arbeitsmarkt dominiert. Dies kommt nicht von ungefähr – verschiedene Studien sehen die Roboter als wahre Jobvernichter. Oder stimmt die historisch basierte Annahme, dass bisher alle Technologiesprünge (Dampfmaschine, Telefon etc.) langfristig Arbeitsstellen geschaffen haben? Während zum Beispiel Bill Gates die Notwendigkeit einer Roboter-Steuer sieht, um die sozialen Kosten der Automatisierung zu decken, geht die Unternehmensberatung Roland Berger davon aus, dass die verlorenen Industriejobs durch neue Aufgaben im Dienstleistungsbereich und der IT kompensiert werden. Sicher ist, dass es aufgrund der schnellen Veränderungen zumindest in den ersten Phasen zu einem starken Stellenabbau kommen wird. Dämpfend wirkt aber, dass aufgrund der Demographie die Anzahl Arbeitskräfte in Industriestaaten und Schwellenländern abnehmen wird.

Neue Risiken für den Anleger

Ein für Anleger äusserst wichtiges Thema ist in diesem Zusammenhang die Cyberkriminalität. Durch die Vernetzung von Maschinen wird auch die industrielle Produktion künftig angreifbarer, und zwar nicht nur durch Datendiebstahl, sondern auch durch die effektive Manipulation von physischen Prozessen. Die Kosten für einen möglichst weitgehenden Schutz sind nicht zu unterschätzen und bieten entsprechende Chancen für Cybersecurity-Unternehmen. Bei grossen Schadenfällen sind Haftungsfragen wesentlich und könnten den generelle Business Case für die Automatisierung beziehungsweise Vernetzung gefährden.

Produktivitätsgewinne müssen soziale Kosten decken

Die Automatisierung im industriellen Bereich wird aufgrund der genannten Vorteile zunehmen. Anleger können in die Gewinner dieses Trends investieren. Generell gehen wir davon aus, dass sich das Thema im Bereich der Industrieaktien überdurchschnittlich entwickeln wird. Diese Industrieunternehmen werden immer öfter als Technologieunternehmen bewertet, was zusätzliches Kurspotenzial verspricht. Für die sehr wahrscheinlichen Arbeitsplatzverluste und Cybersicherheit müssen von Politik und Wirtschaft aber so bald wie möglich Lösungen erarbeitet werden. Nur so kann die Automatisierung einen nachhaltigen Nutzen für Anleger und die Gesellschaft bieten.

6
0
Teilen.
Andreas Holzer on Linkedin
Andreas Holzer
Finanzanalyst bei BLKB
Andreas Holzer ist Analyst im Investment Center der BLKB. Er ist Spezialist für Nachhaltiges Investieren, das heisst die Beurteilung von Umwelt-, Sozial- und Governanceaspekten und die Erarbeitung von entsprechenden Anlagelösungen.

Eine Antwort geben