Die Geldpolitik gelangt an ihre Grenzen

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Die Grenzen der klassischen Geldpolitik sind erreicht – um nicht zu sagen überschritten. Zinsen und Renditen unter der Nulllinie gehören zur neuen Realität. Doch die Geldschwemme kommt nur beschränkt in der Realwirtschaft an und die Bestrebungen der Zentralbanken, die Inflationsraten in den Industrienationen auf ein Niveau von 2% zu heben, werden immer unrealistischer. Auch kreative Ideen, wie der jüngst angekündigte Versuch der japanischen Notenbank neu die Zinskurve steuern zu wollen, werden als wirkungslos eingeschätzt. Es braucht mehr als das durch die Liquiditätsflut der Notenbanken geschaffene Fiatgeld, also Geld ohne entsprechenden intrinsischen Gegenwert. Der Ruf nach Fiskalpolitik wird lauter.

Infrastruktur als Lösungswort

Fiskalpolitik kann vor allem über zwei Kanäle erfolgen. Erstens kann der Staat Steuersenkungen vornehmen und damit das verfügbare Einkommen der Bevölkerung steigern. Dabei stellt sich jedoch die Frage, ob die zusätzlichen Mittel je in den Wirtschaftskreislauf gelangen oder nicht doch gespart werden. Gerade im derzeit unsicheren Umfeld ist davon auszugehen, dass die Leute einen Notgroschen anlegen. Zweitens kann der Staat seine Ausgaben direkt ausweiten. Investitionen in Infrastrukturprojekte sind naheliegend und führen unvermittelt zu einem Konjunkturimpuls. Sie füllen Auftragsbücher und schaffen Arbeitsplätze. Die dafür nötige Finanzierung ist, als Folge der Liquiditätsflut, so billig wie selten zuvor.

Wahlen in USA als Wendepunkt?

Viele Staaten denken laut über Infrastrukturinvestitionen nach oder haben bereits entsprechende Projekte gestartet. In der EU kreisen die Diskussionen noch darum, ob es sinnvoll ist, für derartige Investitionen die Schuldenquote wieder zu erhöhen und ein Ende der Austerität auszurufen. Andere Länder haben bereits einen Entschluss gefasst. Japan hat beispielsweise im August neue Konjunkturmassnahmen beschlossen, die auch Infrastrukturprojekte beinhalten. In den USA könnte der bevorstehende Machtwechsel zusätzlich zu einer Trendwende der Infrastrukturausgaben führen. Die marode US-Infrastruktur hätte es nötig. Im Fokus stehen baufällige Brücken und Strassen. Hillary Clinton verspricht im Falle ihrer Wahl Infrastrukturausgaben von USD 275 Mrd. Donald Trump will gar den doppelten Betrag investieren. Vielleicht folgen weitere Staaten – wie so oft – dem Ruf der Amerikaner.

Verlagerung des Anlegerfokus

Eine Verlagerung der liquiditätsgetriebenen Geldpolitik hin zu Fiskalimpulsen dürfte auch den Fokus der Anleger verschieben. Gelingt es den Notenbanken, durch zunehmende Fiskalimpulse das Wachstum anzukurbeln und die Inflationserwartungen sowie das Zinsniveau zu erhöhen, könnte es bei teuer bewerteten und als defensiv geltenden Qualitätsaktien zu Gewinnmitnahmen kommen. Werte wie Nestlé oder Lindt & Sprüngli könnten in diesem Umfeld an Attraktivität einbüssen. Gewinnen sollten Aktien, welche von anziehendem Wachstum profitieren können oder direkt in den Genuss einer besseren Auftragslage im Infrastruktursektor kommen. In der Schweiz könnten ABB, Geberit, LafargeHolcim und Schindler zu den Profiteuren einer derartigen Entwicklung gehören.

 

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Fabienne Erni, CFA
Leiterin Investment Research bei Basellandschaftliche Kantonalbank
Fabienne Erni ist Leiterin Investment Research bei der BLKB. Sie ist spezialisiert auf die Beurteilung von aktuellen makroökonomischen Entwicklungen und die Analyse von Aktien.

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