Zinsen im Abwärtsstrudel

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Die Massnahmen der Bank of England zur Begegnung der wirtschaftlichen Herausforderungen als Folge des Brexit-Votums haben das globale Zinsgefüge noch weiter in die Tiefe gedrückt. Und das Ende scheint noch nicht erreicht. Die Währungshüter von England behalten sich vor, nochmals eine Zinssenkung vorzunehmen, falls dies aufgrund einer schwachen Konjunkturentwicklung in Grossbritannien erforderlich würde. Damit steht die Bank of England nicht alleine da; weltweit stehen diverse Notenbanken noch immer «Gewehr bei Fuss» und halten weitere Unterstützungsmassnahmen bereit. So zum Beispiel die Europäische Zentralbank, die Schweizerische Nationalbank oder die Bank of Japan. Im Gegensatz dazu steht die amerikanische Fed mit ihren Zinserhöhungsabsichten alleine auf weiter Flur.

Negativspirale der Zinsentwicklung

Das Gros der globalen Notenbanken wird also weiterhin grosszügig Geld in das Finanzsystem pumpen. Trotz dieser Aussichten findet die Liquiditätsflut bisher nur beschränkt ihren Weg in die Realwirtschaft. Die Wachstumsaussichten für die Weltwirtschaft bleiben verhalten und lassen an den bisherigen Stimulus-Versuchen der Notenbanken zweifeln. Dennoch – oder gerade deshalb – wird immer mehr in die Trickkiste der Geldpolitik gegriffen. Immer weiterreichende Stützungsmassnahmen heizen die Negativspirale im Zinsumfeld zusätzlich an. Das weltweite Zinsniveau wird folglich weiterhin tief bleiben – wohl für länger als es uns lieb ist.

Anlagenotstand akzentuiert sich

An den Finanzmärkten frisst sich das Tiefzinsumfeld immer mehr in die Renditeaussichten. Obligationen werfen kaum noch Rendite ab oder rentieren gar negativ und der schon seit Längerem anhaltende Anlagenotstand hat sich in den vergangenen Wochen akzentuiert. Der Anleihenmarkt ist fast ausgetrocknet: Anleger, insbesondere Institutionelle wie Pensionskassen und Versicherungen, halten an ihren bestehenden Beständen fest und stürzen sich förmlich auf Neuemissionen. Als Folge wird der Markt für Obligationen immer illiquider. Dies musste auch die Bank of England in der vergangenen Woche schmerzlich feststellen. Das Vorhaben, ihr Anleihenkaufprogramm auszuweiten, erweist sich als anspruchsvoll, da der Markt die gewünschten Papiere nicht hergibt.

Es gilt «Risk-on»

Aufgrund des schwierigen Umfelds steigt die Nachfrage nach alternativen Anlagemöglichkeiten. Um bestehende Renditeanforderungen halten zu können, müssen immer höhere Risiken in Kauf genommen werden. Anstelle von Anlagen in Staatsanleihen oder Anleihen von Unternehmen hoher Qualität flüchten Investoren in Anleihen aus Schwellenländern oder Anlagen im High Yield-Bereich. Von diesem «Risk-on»-Modus profitieren auch Aktien. Trotz der mittlerweile teils stolz bewerteten Aktienmärkte lassen die fehlenden Renditeaussichten auf Obligationenanlagen Aktieninvestments attraktiver erscheinen. Die Sorgen um China, ein moderates Weltwirtschaftswachstum und der bevorstehende Brexit scheinen kurzfristig der Jagd nach Rendite-Opportunitäten zu weichen.

Konsequenzen für Anleger

Das beschriebene Umfeld bringt weiterreichende Konsequenzen für Anleger mit sich. Investoren sehen sich entweder mit tieferen erwarteten Renditen konfrontiert oder müssen mehr Risiken eingehen. Empfehlungen, Obligationen teilweise mit Dividendenpapieren zu substituieren, nehmen entsprechend zu. Dabei gilt es aber immer zu beachten, dass die eigene Risikofähigkeit zwingend in diese Überlegungen einfliessen muss und schliesslich für die Portfolioaufteilung ausschlaggebend ist. Eine umfassende Risikobeurteilung gewinnt in diesem anspruchsvollen Anlageumfeld an Bedeutung. Der Anlagenotstand darf nicht zu Sorglosigkeit verleiten lassen.

 

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Fabienne Erni, CFA
Leiterin Investment Research bei Basellandschaftliche Kantonalbank
Fabienne Erni ist Leiterin Investment Research bei der BLKB. Sie ist spezialisiert auf die Beurteilung von aktuellen makroökonomischen Entwicklungen und die Analyse von Aktien.

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