Wenn Regulierung toxisch wird

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Der Werkplatz Schweiz braucht stabile Rahmenbedingungen. Dies beinhaltet auch die Stabilität des Finanzsystems. Die massive Aufwertung des Frankens auf dem Hintergrund der Schuldenkrise im Euroland stellt dabei den Werkplatz vor eine grosse Herausforderung.
Eine wichtige Rolle für stabile Rahmenbedingungen spielen dabei die Banken, und hier im Besonderen die Universalbanken. Die Kernaufgabe einer Universalbank (Kantonalbanken, Regionalbanken und z. T. auch Grossbanken) ist die Umwandlung der Spargelder in Investitionen. Die Einlagegelder der Sparer werden der Bank aufgrund ihrer Bonität und Reputation anvertraut. Die Bank ihrerseits leiht die Gelder nach einer eingehenden Bonitätsuntersuchung aus. Mit diesen Ausleihungen werden Häuser gebaut, Fabriken errichtet, Maschinen gekauft und Betriebskapital finanziert. Die Kreditschöpfungsfunktion der Banken wird mit einem Zins abgegolten, der teilweise dem Sparer vergütet wird und teilweise die Bank für die Risiken und die operativen Kosten entschädigt. Universalbanken haben somit als «Schmiermittel der Wirtschaft» eine wichtige Kreditfunktion für den Werkplatz Schweiz. Soweit so gut.

Regulierung – eine Frage des Masses und der Differenzierung

Aus heutiger Sicht ist es kaum nachvollziehbar, mit wie wenig Eigenkapital (bei gewissen Banken weniger als 3 Prozent der Bilanzsumme) und mit wie wenig Liquidität eine Bank zuvor betrieben werden durfte. Systematisch
wurden Risiken unterschätzt und die Verlusttragfähigkeit des Eigenkapitals überschätzt. Daneben gab es kollektives Versagen im Bereich Corporate Governance, bei Ratingagenturen und weiterer Funktionen. Gewisse Banken haben dabei mutwillig ihre Reputation und die der ganzen Branche aufs Spiel gesetzt. Genau an diesem Punkt der Argumentationskette lohnt sich ein differenzierter Blick:

  • Gab es aufgrund der Deregulierungstendenzen vor der Krise quantitativ zu wenig Regulierung?
  • Warum war die bestehende Regulierung qualitativ nicht in der Lage, die Schwachstellen aufzuzeigen? Die amerikanischen Hypothekarinstitute Fannie Mae und Freddy Mac, mittlerweile dreistellige Milliardengräber, waren als staatliche Institute dicht reguliert. Die deutschen Landesbanken – von ehemals 11 ist nur noch eine lebensfähig – waren engmaschig reguliert. Auch die Schweizer Grossbanken wurden vor der Krise regulatorisch eng begleitet, ohne dass die gewünschte Wirkung erzielt wurde.
  • Bank ist nicht gleich Bank. Kernfunktion der Universalbanken ist das Kreditgeschäft und das Einlagengeschäft. Sie sind meistens nur regional tätig. Für dieses Geschäftsmodell braucht es eine entsprechende Regulation. Dieser Teil des Bankensystems, notabene, hat die Krise nicht verursacht. Privatbanken fokussieren auf das Depotgeschäft. Mit Ausnahme der grossen Institute sind sie national bzw. über ihre Kundschaft auch international tätig. Dies muss die Regulierung entsprechend berücksichtigen. Investmentbanken sind per Definition immer global tätig, indem sie Preisunterschiede auf internationalen Märkten ausnutzen oder zumindest versuchen. Sie bedürfen einer speziellen Regulierung, da hier die Risiken am höchsten sind. Aus diesem Grunde müssen sie zwingend (Englisches Modell) organisatorisch von einer Mutterbank abgetrennt werden.
  • Grossbanken beinhalten von allen Geschäftsmodellen Aspekte, entsprechend sind sie komplexer zu regulieren.

Regulierung – aber nicht zum Schaden des Werkplatzes

Die derzeitige Goldgräberstimmung bei der Regulierung schadet dem Werkplatz Schweiz, denn die einzelnen Geschäftsmodelle werden nicht hinreichend unterschieden. Zudem sind Akteure wie Nationalbank und Aufsichtsbehörden untereinander nicht ausreichend koordiniert, was auch dazu führt, dass Ziel und Wirkung der Regulierung unklar sind. Die Auswirkungen der aktuell undifferenzierten Regulierungsbemühungen sind schwerwiegend, da die Kredite sich aufgrund höherer, nicht differenzierter Eigenkapitalanforderungen verteuern werden. Die Kreditvergabe wird aufgrund höherer Liquiditätsanforderungen spürbar restriktiver, zudem wird der Administrationsaufwand für die Kunden deutlich ansteigen. Kleine Universalbanken werden einem spürbar stärkeren Kostendruck ausgesetzt sein.

Too big to fail oder eher Too small to survive?

Nicht nachvollziehbar ist, warum auch mittelgrosse Universalbanken wie die BLKB, welche die Krise durch ihr gesundes Geschäftsmodell weder verursacht noch ausgelöst haben, mit einer derartigen Regulierung überzogen und sie so unter massiven Kostendruck gesetzt werden. Durch die erschwerten Kreditbedingungen werden Investitionen verteuert, was dem Werkplatz Schweiz schadet. Deshalb müssen folgende Fragen nun erlaubt sein: Wer reguliert die Regulierer? Soll der Regulierer aktive Strukturpolitik betreiben? Hier sind wir alle aufgerufen, mit Augenmass Gegensteuer zum Wohle aller zu geben. Denn wenn Regulierung toxisch wird, wird der Werkplatz Schweiz früher oder später zum Patienten werden.

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Dr. Beat Oberlin
ehemaliger CEO bei BLKB
Dr. Beat Oberlin ist ehemaliger Präsident der Geschäftsleitung der BLKB. Er stand zwölf Jahre erfolgreich an der operativen Spitze der Bank. Unter seiner Führung ist die BLKB kontinuierlich gewachsen und gehört heute zu den sichersten und effizientesten Banken der Schweiz.

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